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Zeit als Bildraum

London, 1. Februar 2026
ein Vorbericht von

Günter Maria Bregulla

Große Werkschau von David Hockney

12. März – 23. August 2026

Serpentine North Gallery
in Kensington Gardens, London

A Year in Normandie and Some Other Thoughts about Painting

Der Blick wandert entlang einer scheinbar endlosen Landschaft. Blühende Apfelbäume gehen in sattes Sommergrün über, Nebelschleier des Herbstes folgen auf karge Winterzweige – und alles entfaltet sich in einem einzigen, monumentalen Panorama von fast 90 Metern Länge. Mit A Year in Normandie schuf David Hockney eines der eindrucksvollsten Bilder seines Spätwerks: einen digitalen Fries, der den Zyklus eines Jahres in der normannischen Landschaft festhält. Dieser steht im Mittelpunkt der großen Werkschau, die vom 12. März – 23. August 2026 in der Serpentine North Gallery in Kensington Gardens, London, bei freiem Eintritt geöffnet hat. Da diese Präsentation Hockneys erste Einzelausstellung bei den Serpentine Galleries ist und sich den jüngsten Werken des Künstlers widmet, ist eine Ticketreservierung empfohlen.

Die pittoresken Küstenabschnitte der Normandie inspirierten schon zahlreiche Maler.

Entstanden 2020 während der Pandemie in Hockneys Haus in der Normandie, basiert das zentrale Werk der Ausstellung, der große Fries, auf hunderten Zeichnungen, die der Künstler auf dem iPad anfertigte. Diese einzelnen Ansichten – Bäume, Wege, Himmel, wechselndes Licht – fügte er zu einem spannenden Bildband zusammen. Inspiriert wurde das Format unter anderem vom mittelalterlichen Erzählfries des Wandteppichs von Bayeux, der Geschichte als fortlaufende Bildsequenz begreift.

Doch während der Teppich von Bayeux eine historische Eroberung erzählt, schildert Hockney etwas Intimeres: das stille Drama der Natur. Das Werk ist kein statisches Landschaftsbild, sondern eine visuelle Meditation über Zeit. Frühling, Sommer, Herbst und Winter gehen ineinander über; das Licht verändert sich, die Perspektive bleibt in Bewegung. Der Betrachter wird förmlich gezwungen, das Bild gehend zu erfahren – Zeit im Wandel der Jahreszeiten wird hier zu einer räumlichen Erfahrung.

Formal verbindet der Fries traditionelle malerische Fragen – Farbe, Raumtiefe, Komposition – mit digitaler Technik. Hockney nutzt das iPad nicht als bloßes Werkzeug, sondern als Erweiterung seiner künstlerischen Handschrift. Die leuchtenden Grüntöne, die vibrierenden Blauschattierungen des Himmels und die rhythmische Wiederholung der Baumstämme erzeugen eine visuelle Musik, die an seine früheren Landschaftszyklen erinnert und sie zugleich weiterführt. Der monumentale Fries bildet das Herzstück der Ausstellung „David Hockney: A Year in Normandie and Some Other Thoughts about Painting“ in der Serpentine North Gallery.

Die Schau präsentiert neben dem Fries eine Reihe neuer großformatiger Gemälde – Stillleben und Porträts aus Hockneys unmittelbarem Umfeld. Wiederkehrende Motive wie eine Vichy-karierte Tischdecke oder einfache Alltagsgegenstände zeigen seine anhaltende Faszination für das Gewöhnliche. In den Porträts begegnet man Freunden, Verwandten und Mitarbeitenden; die Figuren sitzen frontal, ruhig, fast ikonisch im Raum.

Die Ausstellung macht deutlich, dass Hockney im hohen Alter nicht retrospektiv arbeitet, sondern weiterhin experimentiert. Digitale Zeichnungen stehen neben klassischen Öl- und Acrylbildern. Perspektive wird gedehnt, Räume öffnen sich, Farben leuchten in einer Intensität, die an seine berühmten Kalifornien-Gemälde erinnert.

Zugleich verweist die Präsentation auf ein zentrales Thema seines gesamten Schaffens: Sehen ist kein neutraler Vorgang, sondern eine bewusste Entscheidung. Hockney fordert dazu auf, genauer hinzuschauen – auf Licht, auf Jahreszeiten, auf Menschen.

Der Lebensweg eines Unermüdlichen

Geboren am 9. Juli 1937 in Bradford, Yorkshire, wuchs David Hockney in einem Arbeiterhaushalt auf. Früh zeigte sich sein zeichnerisches Talent. Er studierte zunächst am Bradford College of Art und später am Royal College of Art in London, wo er Anfang der 1960er-Jahre Teil der aufkommenden britischen Pop-Art-Szene wurde.

Seine frühen Arbeiten verbanden figürliche Elemente mit Textfragmenten und einer offenen Auseinandersetzung mit Identität und Sexualität – Themen, die damals gesellschaftlich noch tabuisiert waren. Internationale Bekanntheit erlangte Hockney jedoch vor allem durch seine Zeit in Kalifornien. Die Swimming-Pool-Gemälde wie „A Bigger Splash“ machten ihn zum Chronisten eines sonnengetränkten, modernen Lebensgefühls. Klare Linien, flächige Farbigkeit und das Spiel mit Spiegelungen im Wasser wurden zu Markenzeichen.

In den 1980er-Jahren wandte er sich intensiv der Fotografie zu und entwickelte die sogenannten „Joiners“ – Fotocollagen aus zahlreichen Einzelaufnahmen, die unterschiedliche Blickwinkel in einem Bild vereinten. Auch hier ging es um Wahrnehmung: Wie sehen wir Raum? Wie setzt sich Zeit im Bild zusammen?

Später kehrte Hockney verstärkt zur Landschaft zurück, insbesondere zu den Hügeln und Wegen seiner Heimat Yorkshire. Monumentale Werke wie „Bigger Trees Near Warter“ von 2007 zeigten seine Fähigkeit, Natur nicht nur abzubilden, sondern als rhythmische Struktur zu inszenieren.

Mit über siebzig Jahren begann er, digitale Geräte wie iPhone und iPad als ernsthafte künstlerische Werkzeuge einzusetzen. Für viele Kritiker war dies ein überraschender Schritt – für Hockney selbst jedoch eine logische Fortsetzung seines Interesses an neuen Bildtechnologien. Von der Camera Obscura bis zum Tablet hat er stets untersucht, wie technische Mittel unser Sehen beeinflussen.

Seine Werke erzielen auf dem Kunstmarkt Rekordpreise, hängen in den bedeutendsten Museen der Welt und prägen Generationen jüngerer Künstler. Doch jenseits von Markt und Ruhm bleibt sein Werk von einer erstaunlichen Frische.

Kontinuität und Gegenwart

„A Year in Normandie“ zeigt, dass Hockney auch im neunten Lebensjahrzehnt nicht zur Wiederholung neigt. Stattdessen verdichtet er sein Lebensthema – das Sehen – in einem einzigen, epischen Bildband. Der 90-Meter-Fries ist nicht nur eine Landschaft, sondern ein Bekenntnis zur Gegenwart: zur Beobachtung, zur Geduld, zur Freude an Farbe und Licht.

So schließt sich der Kreis zwischen Werk, Ausstellung und Biografie. Der junge Pop-Art-Rebell aus Bradford ist zu einem der großen Chronisten des Sehens geworden – und beweist mit jeder neuen Arbeit, dass künstlerische Neugier kein Alter kennt.

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