Woodstock! Sie erinnern sich? Oder eben an die Platte von ihrem Vater, die ständig hängen blieb? John Sebastian, Gründer von The Lovin’ Spoonful (Mega-Hit 1966: Summer in the City), singt vor einer unübersehbaren Menschenmenge entrückt: „I had a dream last night…” Dieser und andere ikonische Schüsse ins Woodstock-Publikum haben sich über die Jahrzehnte in das kollektive Gedächtnis mehrerer Generation eingegraben. Sie sind den älteren unter uns so geläufig, dass wir das Offensichtlichste übersehen. Und damit kommen wir zu den zentralen Konflikten.
Bis heute wird all zu schnell ein Punkt übersehen, den man früher unter dem fragwürdigen Ausdruck „Rassengegensätze“ verstand. Auch sie finden sich in Woodstock wieder. Auch wenn Nostalgiker jetzt aufschreien: Bei allem politischen Interesse ist das Festival im Wesentlichen getragen von „Party-Wütigen“. Politische Extreme, kämpfende Aktivisten, Anti-Kriegs-Organisatoren oder Mitglieder der Black-Power-Bewegung halten sich von dieser Feiermeile fern. Woodstock ist ein Ausdruck einer „weißen Generation“ auf der Suche nach einer neuen sinnstiftenden Form der Gemeinschaft. Aber es ist auch Ausdruck der tiefen Spaltung, die durch die Gesellschaft geht.
Der Bombenanschlag auf die Babtist Church in Birmingham (Alabama, 1963) durch den Ku-Klux-Klan und die Ermordung Martin Luther Kings im Jahr zuvor, zementieren eine Unterscheidung in der Gesellschaft. Während eine junge weiße Generation daraus im besten Fall eine Lehre der Friedensbereitschaft zieht, steigt ein erheblicher Teil aus der Gesellschaft aus und antwortete oft mit einem erstarkten „black nationalism“.
Die Fotos von Woodstock zeigen eine Masse von fast nur weißen Besuchern. So wie die Ortschaften und Schulen eine klare Trennung haben, zieht sich die Trennung auch durch kulturelle Ereignisse. Während die Veranstalter auf der Bühne versuchen, mit Nicht-Weißen Stars ein diverses Publikum zu erreichen, findet gleichzeitig das Harlem Cultural Festival als Großereignis mit ca. 300.000 Besuchern als kostenloses Black Woodstock statt. Nach kleineren Festen in den Jahren zuvor entsteht hier ein bewusstes Gegengewicht, das auch Zeichen setzt, um eine Spaltung der amerikanischen Gesellschaft zu überwinden. So ist beispielsweise der weiße Bürgermeister von New York City, John Lindsay, unter den fast nur Nicht-Weißen anwesend, während die Black Panther für Sicherheit auf dem Festival sorgen.
John Lindsay war ein Republikaner, der auch unter der Nicht-Weißen Bevölkerung damals einen guten Ruf hatte. Er hatte nach der Ermordung Martin Luther Kings den Dialog mit der schwarzen Community gesucht und war einer der Unterstützer des Festivals. Später, nachdem 1972 ein Untersuchungsausschuss die korrupte Seite der Polizei bestätigte, schuf er eine Spezialeinheit gegen die Korruption, verschärfte die Dienstaufsicht und versuchte ein unabhängiges Aufsichtsorgan einzurichten, das insbesondere Übergriffe auf Schwarze und Latinos untersuchen sollte. Leider wurde dieses in einem Volksentscheid abgelehnt. 2022 betonte ein Senatsbeschluss diese außergewöhnlichen Umstände.
Unter dem Moderator und Sänger Tony Lawrence traten auf dem Black Woodstock viele Musiker auf, die bis heute bekannt sind: The Fifth Dimension, Mahalia Jackson, Stevie Wonder, B. B. King, Mongo Santamaria, Nina Simone. Nur Sly & the Family Stone waren auf beiden Festivals vertreten. Der Grund, warum dieses Festival heute nicht den gleichen Ruf hat, liegt in der Tatsache begründet, dass Woodstock vor allem im Nachhinein durch Kino und Medienereignisse bekannt, die Black-Woodstock-Version jedoch weder von Kinos noch von Fernsehanstalten angenommen wird. Der Filmemacher Hal Tulchin stirbt 2017 und hinterlässt über 40 Stunden Filmmaterial, das erst 2019 im Rolling Stone Erwähnung findet. Quasi aktuell!
In diesen Gegensätzen zeigt sich, wie sich auch auf dem Black Woodstock friedliche Vorstellungen wie Ströme aneinander abarbeiten. Der Auftritt von Leuten wie Lindsay sorgt für erheblichen Gesprächsbedarf, ermöglichte aber auch, dass erste Brücken unterschiedlicher Vorstellungen entstehen können.
Black Panthers schützen einen weißen Bürgermeister unter Soulmusik.
Das ist neu.
Die Folgen der politischen Strömungen nach Woodstock sind unter Anderem ein Ende der aktiven Einberufung 1973 und die Umstellung zu einer Freiwilligenarmee in den USA, auch wenn man sich bis heute eine Registrierungspflicht vorbehält.
Bei all diesen Veränderungen darf man Woodstock nicht als politische „Plattform“, wie man heute sagen würde, begreifen. Man muss es sich weniger als Revolution, sondern vielmehr als ein Fest vorstellen, bei dem sich Interessen formen. Was die Bühne und die Musiker thematisieren, ist ein Gesprächsthema, mit dem Potential zu überzeugen. Die Folgen, die bis in die heutige Zeit reichen, die Gegenkultur und politischen Einstellungen von Antikriegshaltung, ökologischer Sensibilität bis zur Kritik an autoritären Strukturen haben sich eher an Woodstock gezeigt, als dass sie Folge des Festivals allein sind. Doch beginnt man die Bedeutung von Festivals und Lebensgefühl mit Woodstock zu erforschen und es scheint sich immer mehr abzuzeichnen, dass sich ein Festival nicht als einzelnes Ereignis greifen lässt.
Woodstock wirkt vielmehr wie ein Fender Vibroverb: eine Verstärkung gesellschaftlicher Interessensströme mit wohltuender Verzerrung, aber auch mit einem Nachhall in Medien (insbesondere Film), einem Mythos, einer neu verstandenen Symbolik und einer veränderten Handlungspraxis.
Und von all dem bräuchte es heute mehr… Viel mehr!