Zum Abschluss des Woodstock-Festivals in Bethel im Bundesstaat New York hob Jimi Hendrix eine in der Musik noch relativ neue Kunstform auf die große Bühne: die Tonmalerei. Seine Dekonstruktion des „Star-spangled Banner“ wurde der ikonische Moment der „Woodstock Music & Art Fair“.
Um die Ursprünge dieser Ausdrucksform zu beleuchten, müssen wir 2.000 Jahre in der Geschichte zurückreisen: „Quam vis sunt, sub aqua, sub aqua – masledicere temptant“, dichtete schon zur Jahrtausendwende in Rom Publius Ovidius Naso, genant Ovid: „Obwohl unter Wasser, versuchen sie, (unter Wasser) zu lästern“ – und imitierte dabei durch die Wiederholung von „sub aqua“ das Geräusch quakender Frösche. Die Onomatopoesie – die sprachliche Nachahmung von außersprachlichen Schallereignissen – war geboren.
Angesichts des Grauens zweier Weltkriege, bekam diese Lautmalerei im 20. Jahrhundert eine besondere Bedeutung.Wir machen einen Sprung vom antiken Rom in die neutrale Schweiz im Jahr 1916: Auf den Schlachtfeldern Europas tobte der 1. Weltkrieg. In Zürich fand sich eine kleine Gruppe um den deutschen Schriftsteller Hugo Ball, die angesichts des unaussprechlichen Grauens in den Schützengräben mit neuen Ausdrucksformen experimentierte. Zusammen mit Emmy Hennings, Hans Arp, Tristan Tzara und Marcel Janco gründete er im Züricher Niederdorf das „Cabaret Voltaire“.
In ihrer Künstlerkneipe in der Spiegelgasse 1, in unmittelbarer Nachbarschaft zum damaligen Wohnsitz Lenins, suchten sie neue sprachliche Wege, um Gefühlen Herr zu werden, die mit den Mitteln der in der bildenden Kunst vorherrschenden Kunstrichtungen Expressionismus, Kubismus oder Futurismus nicht adäquat ausgedrückt werden konnten. Als Ball im Juni 1916 mit „Gadji beri bimba“ eines seiner Lautgedichte vortrug, war der Dadaismus geboren.



Ein paar Jahre zuvor hatte Duchamp mit der Anti-Kunst ein bildhauerisches Pendant begründet. Seine gefundenen Objekte („objet trouvé) oder auch Ready-mades sorgten für Aufsehen. Sein berühmtestes objet trouvé, der „Fountain“ von 1917 ist heute verschollen. Mit seinen zum Kunstobjekt deklarierten Industrieprodukte wollte Duchamps die Wechselwirkung zwischen Kunst und Alltagsleben erkunden.
Hugo Ball ging es im „Cabaret Voltaire“ um die Ablehnung von Logik und Vernunft: diese hätten zur Weltenkatastrophe des Krieges geführt. Und Dada war seine Reaktion auf diese Sinnlosigkeit. Die Ablehnung der Gesellschaft und deren Wertesystem kam in der Kunstrichtung des Dadaismus zum Ausdruck. Er stellte die gesamte bisherige Kunst in Frage: Lautgedichte entleerten die Sprache ihres Sinnes, rhythmische Klänge ließen im Kopf Bilder entstehen, die manches präziser ausdrückten, als Worte es vermögen.
Während sich Hugo Ball schon bald aus dem „Cabaret Voltaire“ zurückzog, schrieben Andere die Geschichte des Dada fort: Der deutsche Arzt und Schriftsteller Richard Huelsenbeck gab der Bewegung den Dada-Almanach. Eine Weiterentwicklung war die nach der °art concrete“ benannte konkrete Poesie. Sprache sollte nicht mehr eine Stimmung oder einen Sachverhalt beschreiben. Sie wurde selbst zum Zweck und Gegenstand von Gedichten. Als Gegenpol zur sprachlichen Reizüberflutung wurde in der konkreten Poesie Sprache selbst dekonstruiert, in dem sie ihrer Verweisfunktion beraubt wurde.
Schon bald sollte ein erneuter Weltkrieg neue Sprachlosigkeit angesichts noch größerer Greuel hervorrufen. Der österreichische Dichter und Schriftsteller Ernst Jandl erregte 1957 mit dem unbetitelten Lautgedicht „schtzngrmm” weltweite Aufmerksamkeit. Beklemmend realistisch schrieb er die Situation der Soldaten im Schützengraben bis zum Tod (t-tt) in das Kunstgedächtnis ein. Von Lautmalerei wollte der im Jahr 2000 verstorbene Jandl allerdings nichts wissen: Er bevorzugte den Begriff „Sprechgedichte”, da diese erst durch lautes Lesen ihre Wirkung entfalten. Im Zuge der Verwerfungen durch den Vietnamkrieg wurde Jandl als der literarische Popstar der 68er-Bewegung bezeichnet.
In Frankreich entwickelte der Ingenieurs Pierre Schaeffer nach dem 2. Weltkrieg eine neue Kompositionstechnik, die mit auf Tonträger gespeicherten Klängen und Geräuschen arvbeitet. Diese Musique concréte entwickelte sich parallel zur abstrakten Musik, in der Klänge geschrieben und konstruiert wurden.Beide Musikrichtungen wurden durch den Kölner Komponisten Karlheinz Stockhausen 1955/56 in seinem „Gesang der Jünglinge“ verheiratet.
Zwölf Jahre nach „schtzngrmm” und Stockhausens revolutionärer Vermischung von Sprache, Gesang und elektronischen Klängen brachte Jimi Hendrix in Woodstock mit seiner Dekonstruktion der US-Hymne eine spontane Live-Version auf die Weltbühne. Wobei diese gar nicht so spontan war, wie Fotograf Henry Diltz im Interview erzählt.