Das erste Highlight von Woodstock, das in die Geschichte einging: Freitag, 15. August 1969, kurz vor 19 Uhr, Ecke Hurd Road und Westshore Road in Bethel, New York, USA: Sometimes I feel like a motherless child.“ – Zwei Stunden nachdem er als Opening Act die Bühne betreten hatte, sorgte der damals noch unbekannte Richie Havens mit dem improvisierten Song „Freedom“, den er in Verbindung mit dem alten Sklavenlied „Motherless Child“ improvisiert hatte, für den ersten Gänsehaut-Moment von Woodstock.
Fotografisch festgehalten von Henry Diltz.
„Oh say can you see…“ Die wohlbekannte Melodie weicht zunehmend schrilleren Tönen, deren Sägezahn-Muster sich verzerrt ins Gehöhr schneidet: Der Klang der Saiten verwandelt sich in das Heulen von Kartuschen. Zunehmend chaotischer breitet sich lautmalerische Zerstörung über das, was das Land der Freien und Tapferen sein sollte. Der Riss, der in jenen Tagen im August 1969 durch die Gesellschaft ging, wurde von Jimi Hendrix in elektrischen Schockwellen aus den Lautsprechertürmen gejagt. Er entlockte seiner Fender Stratocaster für Linkshänder Schreie, die in Gesichter klatschten, die von einer Schockstarre wie eingefroren waren.
Was zu einem der ikonischten Momente der Musikgeschichte werden sollte, der nicht nur Gitarristen aus aller Welt prägte, sondern auch der politischen Einstellung einer ganzen Generation Ausdruck verlieh, fand zunächst fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt: Weniger als zehn Prozent der über 400.000 geschätzten Besucher harrten am Morgen des 18. August 1969, einem Montag, noch vor der Bühne in Bethel aus, als Jimi Hendrix seine Version des „Star-spangled Banner“ als Teil eines mehr als 30minmütigen Medleys mit Hits wie „Voodoo Child“ und „Purple Haze“ performte. Der Großteil der Besucher befand sich bereits auf der Heimreise. Jimis lautmalerischen Napalmbomben und M16-Geschosse trafen überwiegend auf in den Schlamm getretene Schlafsäcke und anderen Müll. Dass der Auftritt dennoch zu einem der bekanntesten Gigs in Woodstock wurde, ist dem offiziellen Konzertfilm, dem dazugehörigen Soundtrack und den legendären Aufnahmen von Fotografen wie Henry Diltz zu verdanken.
Dabei stand der ganze Auftritt des Headliners unter keinem guten Stern: Jimi Hendrix, der ab 1961 selbst Soldat in der 101. Airborne-Division, den legendären „Screeming Eagles“ war, hatte kurz vor Woodstock seine Band verloren. Nach einem Auftritt in Denver hatte Bassist Noel Redding das Handtuch geworfen und damit die Jimi Hendrix Experience gesprengt. Ganze zwei Wochen hatte die neuformierte Band – „it’s nothin‘ but a band of gypsys“, so Jimi später zur Namensfindung –, sich auf Woodstock vorzubereiten. Und durch die chaotische Organisation konnte der Headliner statt am Sonntag um Mitternacht erst am Montag gegen 8 Uhr die Bühne betreten. Von diesen ganz besonderen Erlebnissen sprachen vier führende Köpfe der damaligen Woodstock-Crew im TL27-Interview mit Alex Gernandt.
Die Dekonstruktion der US-Nationalhymne in Woodstock – eineinhalb Jahre nach der Tet-Offensive, dem Wendepunkt des Vietnamkrieges, als die Vietkong die US-Truppen zum Neujahrsfest an allen Fronten angriffen – drückte das Gefühl einer ganzen von der Einberufung in die Armee bedrohten Generation aus. Doch Jimi Hendrix war nicht der erste, der auf das Grauen eines Krieges mit Tonsymbolik verarbeitete. Günter Maria Bregulla begibt sich auf einen Exkurs zu den Ursprüngen der Laut- und Tonmalerei.
Bleibt dran, es geht weiter: In der kommenden Woche wird unser Woodstock-Special fortgesetzt. Wir beleuchten die Auswirkungen von Woodstock auf spätere Generationen.
Henry Diltz (geb. 1942) lebte und arbeitete im Laurel Canyon in Los Angeles, dem Zentrum der musikalischen Szene der Flower-Power-Bewegung. Rund um „Mama“ Cass Elliot lebten dort Musiker wie Joni Mitchell, Frank Zappa, Crosby, Stills, Nash & Young, Glenn Frey von den Eagles, Steven Wilson von den Beach Boys oder Carole King. Henry Diltz war mit vielen dieser Nachbarn eng befreundet. So wurde er eher zufällig zum Starfotografen der Szene. Als offizieller Fotograf wurde er beim Monterey Pop Festival (1967), beim Miami Pop Festival und vor allem bei Woodstock (1969) offiziell gebucht. Er schoss über 250 Album-Cover, darunter die Debütalben von Crosby, Stills & Nash und Jackson Browne sowie „Desperado“ von den Eagles und „Morrison Hotel“ von den Doors. Die Fotos, die er TL27 zur Verfügung gestellt hat, zeichnen den Charme von Generationen.
v.l. im Uhrzeigersinn: Keith Richards mit Whisky-Bottle unterwegs, John Sebastian von den Lovin’ Spoonful bei seinem ungeplanten Spontanauftritt bei Woodstock, Henry Diltz vor einem großen Print seines berühmten Albumcovers der Doors “Morrison Hotel” und Joni Mitchel am Fenster im Laurel Canyon, wo Diltz zusammen mit einigen der wichtigsten Stars der Flower-Power-Bewegung wohnte.
Die Interviews wurden in der limelight GALLERY in Frankfurt am Main geführt, die TL27 auch Fotografien von Henry Diltz zur Verfügung gestellt hat.
In den Galerieräumen im Oeder Weg 59 ist eine eindrucksvolle Auswahl von großformatigen, limitierten und signierten Fine Art Prints ausgestellt. Neal Prestons Rock’n’Roll Fotografie stellt das Herzstück dieser Galerie dar. Prestons Archiv ist eins der umfänglichsten der Welt und beinhaltet jeden der wichtigsten Künstler der Rock-Geschichte. Fotografen-Legenden wie Bob Gruen, Michael Zagaris, Henry Diltz und Chris Floyd gehören ebenfalls zum Portfolio der Limelight Gallery.
Die Erträge aus den Verkäufen von signierten und zumeist limitierten Fine Art Prints und Büchern kommen Stiftungen wie „Behind the Scenes“, „Backup–The Technical Entertainment Charity“ und #handforahand zugute.