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Spaltungen, die über den Geschmack hinausgehen

Rosenheim, 5. März 2026
ein Essay von

Gregor Zimmermann

Die Letzte Generation Drogenabhängiger mit ihrem Irokesen am Kinn gefährdet aus Gefühlsduselei und radikal falsch verstandener Moral die nationale Sicherheit! – Kennen Sie schon? Nein, ist erfunden! Es ist mein gescheiterter Versuch, die Vorwürfe der Konservativen des Jahres 1969 gegen die Jugend für den heutigen Leser zu übersetzen. Heute existiert eine Gleichzeitigkeit der Extreme: “man darf gar nichts mehr sagen” steht epischen Vorwürfen “apocalypse now” gegenüber, die wiederum anderen als Bagatelle durchgehen. “Die Menschheit wird es nicht schaffen!” – ehemals amüsant, jetzt eher “schnarch”! Eigentlich kein Eigenschaftswort wert, weil schon gehört. Die informelle Flut des Internets hat nicht nur Überforderung hervorgebracht, sondern auch den Prozess der Beurteilung so beschleunigt, dass keine Energie zur Veränderung übrig bleibt. Man könnte fast an Verdauung denken, bei der nicht Energie, sondern emotionslos abgeklärte Fettablagerung übrig bleibt: „war schon immer so“! Dass das aber nicht immer so war, erklärte die Anthropologin Margaret Mead 1970 mit dem Ausdruck „Generation Gap“.

Woodstock! Für die einen “Die Band”, deren Platte auf Vaters Plattenspieler immer hängen bleibt”. Für die anderen Musik, deren Kerngehalt sich auf “Abendessen gibts heute eine Stunde später” zusammenfassen lässt. Für dritte allerdings entsteht ein ganz anderes Kopfkino. Woodstock ist ein Generationsumbruch, eine Spaltung, die nichts gleicht, was diese Generation seit dem wieder erlebt hat. Was daran so einzigartig ist?

Der technische Wandel führt damals für Mead zum ersten mal dazu, dass Kinder und Jugendliche oft mehr über die Welt von morgen wissen, als ihre Eltern. Ein struktureller Wandel von, wie sie es nennt, “postfigurativen” zu “prefigurativen” Kulturen. Die Zukunft kann nicht mehr durch Erfahrung von der Vergangenheit abgeleitet werden und überzeugt daher auch nicht als überlieferte Tradition. Lernfähigkeit wird zum entscheidenden Faktor. Kommt Ihnen das bekannt vor? Das gab es schon 1970! Natürlich will ich ihnen entsprechend der TL27 Zielvorgaben vor die Nase halten, dass Zukunft gemeinsame kulturelle Gestaltung aller Generationen, Chanana… Aber wie so oft, wollen wir wieder einmal etwas mehr.

Um sich diesem “Generation Gap” zu nähern, möchte ich die Stimmung und historische Last des Jahres 1969 einmal beschreiben:  

Es ist eine Melange aus ungewöhnlichen und damals neuartigen Ereignissen, die die Menschen umtreiben. Neu entstehendes Selbstbewusstsein und ein weit verbreitetes Gefühl, dass man Veränderung, ja das Entstehen von Besonderem „leistet“. Das Gefühl, eine Nummer zu sein, ist bei den Nummern noch nicht angekommen. Der Kalte Krieg schafft eine Bedrohungslage, die erst einmal den Pessimisten alle Karten in die Hände spielt und die Nachkriegsordnung des Miteinander langsam auflöst. Konkurrenzbewusstsein wird wieder nationale “Ehrenpflicht”. Zugleich kann mit Apollo 11 die Menschheit im Juli 1969 zum ersten Mal außerhalb der Erde Fuß fassen. Der Schritt in die grenzenlosen Weiten des Alls – Wahnsinn!  

Doch darüber jubeln nur die West-Optimisten, was den All-Weitwinkelblick wieder etwas einschränkt und aus Neil Armstrongs großen Sprung für die Menschheit (“That’s one small step for [a] man, one giant leap for mankind”) eher ein „chicken-race“ spätpubertärer Jungs macht. Halt nicht mit Papas Auto, sondern Papa Staats Raketen. In Lybien putscht sich Muʿammar al-Qaddhāfī ( معمر القذافي ) an die Macht, in der Transkription mit „Q“, den wir fleißig bis heute mit „G“ schreiben.

Die Ermordung des Bürgerrechts-Protagonisten Martin Luther King Jr. 1968 stärkt die Black-Power-Bewegung. Charles Manson beschließt, nachdem er mehrere Monate im Haus von Dennis Wilson (Beach Boys) gewohnt und auch versucht hat, sein Songwriting anzubieten („Never Lern Not to Love“), seine erfolglosen Versuche in der Musikszene abzubrechen und auf andere Weise ein Star zu werden. In Nordirland kündigt sich die Zeit der „troubles“ an und man hält es für eine gute Idee, innenpolitische „in-group/out-group“ Rivalitäten zwischen Protestanten (Union) und Katholiken (Republikaner) mit dem britischen Militär zu „befrieden“. Verzeihen sie den Zynismus, aber wer Weltgeschichte nicht zynisch zusammenfasst, ist gefühlskalt!  

Der Vietnamkrieg spitzt sich trotz weltweiter Proteste weiter zu und spaltet sogar Familien. Und das ist zu der Zeit neu und nicht naheliegend. Womit wir wieder bei Autoren wie Margaret Mead oder Daniel Yankelovich wären: Es sind Spaltungen, die über den Geschmack hinausgehen. Es geht um Werte! Man könnte fast sagen, nachdem der Nebel des Zweiten Weltkrieges sich lichtet, entdeckt man die internationale Vergleichbarkeit von Problemsituationen. Die Internationalität selbst hat man bereits in den Kolonialzeiten ausgiebig erkundet. Nun entsteht ein Gegen-Schub von internationalem Verantwortungsbewusstsein, das wir lieber noch nicht global oder Mitwelt-bezogen nennen. Aber man kann den Vietnamkrieg im Fernseher ‚sehen‘ und leider nicht alle, aber immerhin viele spüren, dass dieses Geschehen nicht nur zeitlich näher liegt als das in den Geschichtsbüchern. Die Entkolonialisierung führt zu einer medialen Präsenz der „Befreiungsbewegungen“, es entstehen Studentenproteste in West-Berlin, Paris, Mexico und Berkley – und sie spüren, dass ssie etwas miteinander zu tun haben. Was sich Kant damals beim Erblicken des Schildes „Zum Ewigen Frieden“ einer niederländischen Gastronomie am Friedhof gedacht hat, findet plötzlich seinen Weg von einem Buch, das manch einer unter Science-Fiction-Literatur ins Regal gestellt hätte, über Erklärungen von Völker- und Menschenrechten in eine, von einer medienvermittelten Weltöffentlichkeit getragene Sensibilität für internationale Verantwortung. 

Man könnte zusammenfassend sagen: Eine externe Erweiterung des neuronalen Netzes der Menschheit kommt mittels Fernseher und Radio bei den Emotionen an und überwindet so das Sicherheitsempfinden der Konformität. Stellen Sie sich das mal vor und lassen es sich auf der Zunge neben ihrem Merlot zergehen: „Internationale Verantwortung“! „Das Haus brennt – und der Nachbar hat die Pflicht zu helfen!“ Puh!

Dazu gesellen sich politisch organisierte Initiativen, die in dieser neuen Sensibilität der Jugend eine Gefahr für traditionelle Werte und gleich 10cm danach die nationale Sicherheit sehen. Kleiner war’s grad nicht da! Ich frage jetzt nicht, welche Werte das dann sein müssen, aber Sie erinnern sich sicher an das Irokesenkinn am Anfang? Haldeman, der Stabschef von Präsident Nixon und gelernter BWLer sagt nicht nur, dass die Jugend nicht das geringste Interesse an dem Thema hat, für das sie angeblich protestierten, er spricht auch klar aus, dass sie von einem Wunsch getrieben wären: „to get out and rise hell“. Zusammengefasst also so etwas wie „Freizeithöllentum“. Da kann der Kinnirokese nicht mithalten! Es lässt sich etwas leichter ins Heute übersetzen als der Spott über die “bärtigen Verfechter sexueller Freiheit”. Zu der Zeit waren Bärtige und Hipster also gerade keine Konservativen. 

Insgesamt war es also eine technisch initiierte Umbruchzeit genau wie heute – nur eben ganz anders: voll mit gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Visionen und daher mit etwas mehr Unterton. Und genau da „passiert“ Woodstock.

 
Und nun, lehnen Sie sich doch einmal kurz zurück und hantieren Sie gedanklich mit den Bruchstücken:
Zeitgleich existiert heute eine Generation, die der Tradition verbunden nicht auf Woodstock gegangen wäre, eine die sich von Woodstock inspirieren ließ und eine, die die damit verbundenen Veränderungen für Normalität hält. Das führt uns wieder an den Anfang des Textes: Die Fraktion, die meint, “man dürfe gar nichts mehr sagen”, die Gruppe “Apocalypse now”, und die Aussage “war doch schon immer so”. Vielleicht gibt es doch in der Sicht von Mead einen Blickwinkel, der die Sichtweisen erklärt und ins heute übersetzt.