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Les Voleurs d‘amour – Liebesdiebe

Eine Theaterbesprechung von Wolfsmehl

Fotos von Bohumil Kostohryz

Theater National Luxembourg. 6. Februar 2026. Rang 1, Platz 3

Sonntag. 12 Uhr. Mittagstisch. Ein Uhrwerk der Gewalt setzt sich in Gang. Jeder Zahn ein Schimpfwort. Jeder Takt eine Demütigung. Jede Umdrehung ein Schlag. Die Gewalt ist spontan, einfach und schnell. Eruptiv bricht sie hervor. Wie vom Bösen programmiert greifen die Rädchen ineinander. Sie tun es, wie sie es immer getan haben: als die Kinder noch klein waren und nun, da sie groß sind.

Draußen bekommt davon niemand etwas mit. Unbemerkt kreisen die Zeiger. Nur einmal steht die „Klappe des Uhrwerks“ offen. Die Schreie des Jungen dringen durch die Wohnzimmertür nach draußen. Sofort gerät der Vater in Panik …

Der Text von Frank Hoffman und Nicolas Steil entfaltet auf der Bühne eine Sogwirkung, die ihresgleichen sucht. Das Publikum fühlt: Das Geschehen ist authentisch. Hier ist nichts konstruiert. Die Zuschauer haben nicht nur das Gefühl zuzusehen, sondern dabei zu sein. Tränen kullern über Wangen.

Vater und Mutter bilden die Personifizierung von Gewalt und sexuellem Missbrauch. Darin sind die beiden Sadisten eins. Als wüssten sie: ›Irgendwo in unseren Kindern steckt eine Schuld, freiwillig Schläge einzustecken.‹ Sie nickt – er, die Schlagmaschine, handelt. Sie gibt den Ton an. »Ich bin mir sicher, dass er das mit Absicht gemacht hat. Du musst ihn noch mehr korrigieren.« Oder ist doch er, der Vater, die treibende Kraft? Der Mechanismus der Unterdrückung ist schwer zu durchschauen. Aber er ist für die Kinder teuflisch, wie er teuflischer nicht sein könnte.

»Du bist nicht mein Sohn, du bist eine Schande für mich. Ich werde den Gürtel holen und du wirst tanzen, du Bastard! – Ich weiß nicht, warum du überhaupt auf die Welt gekommen bist, du kleiner Scheißer. Um mich zu beschämen oder was?«

„Hör auf, Papa, hör auf..."

Der Junge bettelt: »Hör auf Papa, hör auf, ich werde es nicht mehr tun, ich schwöre es dir, ich werde es nicht mehr tun. Hör jetzt auf zu klopfen …«

Unweigerlich fragt man sich, was diese Eltern wohl in ihrer Kindheit durchmachten? Wer verschloss die Tür zu ihrem Inneren? Besitzen sie überhaupt selbst einen Schlüssel dafür? Jedenfalls laufen die beiden Uhrwerke ihres Gewaltsystems aus Schuld und Sühne synchron. Vierundzwanzig Stunden. Woche für Woche. Sie offenbaren, dass die Verwicklungen unserer Psyche unbegrenzt über Generationen hinweg zu funktionieren scheinen.

Um dem Grauen zu entkommen, verpfeift die jüngere Schwester den Bruder. Todesangst schwingt mit. Als würde jemand im Hintergrund ganz leise ein Adagio der Vergänglichkeit spielen. Niemand glaubt mehr dem anderen. Niemand hört mehr zu. Batterien an Schimpfwörtern haben alles zum Erliegen gebracht.

Nur die ältere Schwester hat sich ein Stück weit freigekämpft. Sie ist Ärztin und wohnt mit ihrem Mann zusammen, der sie allerdings verlassen will. Daraufhin verübt sie einen Selbstmordversuch. Trotzdem versorgt sie den Bruder, wenn er von den Schlägen blutet. Versucht ihn zu retten.

Für die drei Kinder – zwei Mädchen und ein Junge – muss die Götterdämmerung der Liebe schon in der Wiege hereingebrochen sein. Der Junge: »Mama, meine kleine Mama, bitte streichle mich, nur einmal in meinem Leben, einmal für das ganze Leben, bitte …«

Am Sonntagstisch erzählt die jüngere Schwester, dass sie einen Araber zum Freund hat. Darauf die Mutter zum Vater: »Und du machst nichts, sie ist ein arabisches Mädchen geworden und du stehst da wie ein Wrack, wie eine Memme, du arme Null. Du wirst mich nie mehr anfassen, nie mehr!« Der Vater nähert sich der Tochter, um sie zu schütteln. »Sag uns die Wahrheit, Hure, sag uns die Wahrheit!«

Dr. Frank Hoffmann

Intendant und Regisseur

Frank Hoffmann wurde in Luxemburg geboren. Er studierte Romanistik, Germanistik und Philosophie. In Heidelberg promovierte er über eine von Michel Foucault ausgehende Philosophie des Theaters. 1988 folgte er dem Ruf an das Conservatoire de Luxembourg für eine Professur in Regie. Mit Hilfe des Kulturministeriums des Großherzogtums Luxemburg gründete Hoffmann 1996 das Théâtre National du Luxembourg, dessen Leitung er bis heute innehat. Von 2004 bis 2018 übernahm er zudem die Intendanz der Ruhrfestspiele Recklinghausen und baute sie zu einem der größten und bedeutendsten europäischen Theaterfestivals aus.

Als freier Regisseur für Schauspiel- und Musiktheater hat Frank Hoffmann weit über hundert nationale und internationale Inszenierungen herausgebracht, u. a. am Burgtheater Wien, am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, am Pariser Théâtre National de la Colline, am Theater Basel, am Schauspiel Köln, am Schauspiel Bonn, am Schauspiel Frankfurt, an der Freien Volksbühne Berlin sowie in Luxemburg am Kasematten-, am Kapuziner- sowie am eigenen Nationaltheater. Seine Inszenierungen gastierten an vielen europäischen Bühnen sowie in Asien, Nord- und Südamerika. Darunter erhielt er auch Einladungen zu den Schillertagen nach Mannheim, den Mülheimer Theatertagen, zur Bonner und der Wiesbadener Biennale, zum Heidelberger Stückemarkt, zum Ibsen-Festival nach Oslo und zum Strindberg-Festival nach Stockholm, zu den Festivals von Sibiu und Cluj (Rumänien), zum Kulturmonat nach Plovdiv (Bulgarien), zum Prager Theaterfestival deutscher Sprache, zum Festival des klassischen Theaters nach Almagro (Spanien) und nach Taipeh zum Taiwan International Festival of Arts.

1.

„Ich will Euch alle töten..."

Sie: »Es gibt keinen Araber, es gibt keine Liebe und es wird nie Liebe geben, ich will euch alle töten, ich will nicht, dass ihr existiert. Ich will euch quälen – lange, damit es euch genauso wehtut. Ihr seid nur Abschaum, ihr wurdet erschaffen, um mich am Leben zu hindern!« Da der Vater allerdings ihre Studentenwohnung bezahlt, bleibt ihr eine Loslösung aus dem Familiengefängnis dennoch verwehrt. Familie ist eben Familie. Man muss zurück.

Frank Hoffmanns akribische Suche nach Details und seine fundierte Kenntnis menschlicher Abgründe beschreiben die Protagonisten sagenhaft präzise. Zusammen mit Nicolas Steil kommt er zum Kern, zur Seele einer Rollengestaltung. Seine Regiearbeit ist zu keinem Zeitpunkt eine Anpassung an den scheinbaren Geschmack der breiten Masse, und doch trifft sie die breite Masse ins Herz. Man spürt: Die Schauspieler*innen haben sich voll hinter das Stück gestellt. Sie geben alles von sich preis. Niemand ist hervorzuheben, alle authentisch. Wie aus einem Guss. Die Anverwandlungsgabe von Colette Kieffer (Mutter), François Camus (Vater), Sophie Mousel (Ainee), Clara Hertz (die jüngere Schwester), Etienne Halsdorf (Sohn), Hana Sofia Lopes (Psychotherapeutin), Mathieu Olinger (der Sohn als Kind) verleihen dem Geschehen eine dämonische Glaubwürdigkeit. Die Figuren nehmen Leben an, und die Zuschauer bemerken, dass diese zu ihnen von ihren eigenen Erfahrungen und Einsamkeiten sprechen.

Das Bühnenbild von Christoph Rasche besteht aus Gitterwänden, die dem Geschehen eine raffinierte Kulisse verleihen. Der Videokünstler Carlo Thiel changiert geschickt zwischen Traum und Realität und taucht so immer wieder in das Innenleben der Figuren ein. Angst, Verzweiflung, Hoffnung und eine tiefe Verbundenheit des Sohnes mit seinem eignen Kind weisen einen Ausweg aus der Hölle. Er sucht eine Psychotherapeutin (Hana Sofia Lopes) auf und löst so das Ticket für eine lange und beschwerliche Reise der Heilung, an deren Ende – so wünscht man es von Herzen dem Sohn – die Liebe auf dem Bahnsteig steht.

Auf dem Nachhauseweg kam mir der Gedanke, dass ich die Wahrheit über mich selbst entdeckt hatte: Deine Eltern haben dir die besten Voraussetzungen geschaffen. Du wurdest in gute Erde gepflanzt – genährt und gepäppelt. Dann hat man dich ins Leben geschickt.

Und du hattest Glück.

Vor mir schlägt eine Kirchturmuhr. Unbemerkt kreisen die Zeiger.