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Antigone – Kompass des Gewissens

Eine Theaterbesprechung von Wolfsmehl

Fotos von Kornelia Boje

 

Athen. 442 v. Chr. Dionysostheater. Aus der Feder des Tragödiendichters Sophokles gelangt Antigone zur Uraufführung. Ein Politthriller mit Rhythmus und epischem Atem. Genauso könnten die Kennedys oder Rothschilds im Mittelpunkt stehen. Die Tochter des Ödipus findet lebendig eingemauert den Tod, weil sie dem obersten Prinzip gefolgt ist: der Moral. Zum ersten Mal hat sich jemand gegen die herrschende Macht – verkörpert durch ihren Onkel Kreon – aufgelehnt. Antigone hat sich keinem Schicksalsschlag ergeben. Sie hat den Widerstand verkörpert und im Namen des Gewissens ihren Mut mit dem Leben bezahlt.

Eine Zäsur.

Nichts wird mehr sein wie zuvor. Der Willkür steht fortan das Gewissen entgegen. Die persönliche Freiheit ist geboren. Sophokles hat an dieser Schraube gedreht. Die Literatur besitzt fortan einen Kompass für Recht und Unrecht.

Berlin. 14. Januar 2026. Berliner Ensemble, Großes Haus, Rang 2, Reihe 1, Platz 13. Voraufführung. Neben mir im altehrwürdigen Großen Haus eine Gruppe Jugendlicher, die mit großer Spannung den Abend erwartet. Wie wird das Gewissen der Antigone in Szene gesetzt? Wird Onkel Kreon Onkel Trump sein? Dessen Nichte Mary L. Trump Antigone? Weil sie zu Onkel Donald und dessen System aus Gefälligkeiten, Geld und Macht NEIN sagte? Die seine Regentschaft als ein »Regime der Idiotie« geißelte? Dafür wurde sie – von Onkel Trump brutal an den Social-Media-Pranger gestellt – eine moderne Antigone, eingemauert in ihrer New Yorker Einsamkeit.

Ein antikes Schauspiel, aber hochaktuell. Fragende Blicke. Flüstern.

»Wer ist das?« –

»Keine Ahnung!«

Nach gut zwanzig Minuten lüftet sich der Nebel und man begreift, dass Jens Harzer mit blankem Oberkörper als Epigone der Antigone fungiert und Constanze Becker mit Krone auf dem Haupt den Onkel Kreon gibt. Ismene – bei Sophokles die treue Schwester, bei Regisseur Johan Simons eine skrupellose Verräterin, welche die eigene Schwester ans Messer liefert – wird von Kathleen Morgeneyer auf eine Art interpretiert, die an eine der geifernden Hexen aus Macbeth erinnert. Warum? Die Würdevollen, Ismene und Antigone, pflegen doch eigentlich ein inniges und vertrauensvolles Verhältnis?

Ismene traut sich zu Onkel Kreon halt nicht NEIN zu sagen – ein zutiefst menschlicher Vorgang.

Der YouTube-Kanal Great Books in 10 Minutes fasst den Inhalt von Antigone in 5 Minuten zusammen.

Antigone in Zahlen

Seit

2.467

                        Jahren wird Antigone
beinahe ununterbrochen aufgeführt.

Denn 442 v. Chr.

soll Antigone das erste Mal beim Dionysios-Fest in Athen uraufgeführt worden sein.

Ungefähr

120

Tragödien hat Sophokles in seinem Leben geschrieben.

Circa

25

Opern-Adaptionen wurden zwischen dem 18. Und 21. Jahrhundert komponiert.

7

                           Tragödien von Sophokles sind über die Jahrtausende erhalten geblieben.

Platz 2 auf der Liste der ältesten Tragödien.

1.
Mit hunderten von modernen Inszenierungen gilt Antigone als die meistgespielte griechische Tragödie.

Dazu stelle ich mir aktuell

eine Familie in Teheran vor:

Antigone wagt sich auf die Straße, Ismene nicht. Ismene warnt Antigone. Sie würde die Schwester niemals verraten, selbst unter Folter im berüchtigten Evin-Gefängnis nicht – eine Schwesterntreue, welcher sich Antigone bewusst ist und aus der sie für ihren Widerstand Kraft schöpft. Etwas, das Johan Simons ins Gegenteil verkehrt und zu einer Vereinfachung macht, die uns nichts über den Kern des eigentlichen Dramas erzählt.

Kleiderwechsel. Helle Stoffe. Man hilft sich gegenseitig. – Neben mir höre ich staunendes Flüstern. Wer ist wer? Ist die Souffleuse etwa das Orakel von Delphi? Die Ratesendung setzt sich fort. Manchmal bekommt man den Eindruck, die Schauspieler*innen wissen selber nicht, in welchem Körper sie stecken.

Jens Harzers eigenes Gewissen rührt sich, nicht das der Antigone: »Ich finde kein Zentrum. Das tut so weh.« Das Gewissen, der Mut, der Widerstand, die Moral – eben das Zentrum des Stücks – werden durch Sprache und Gestik hier nicht sichtbar. Der ansonsten geniale Harzer ringt damit, der Figur Seele zu verleihen.

Auch Constanze Becker bleibt für ihre Verhältnisse seltsam blass, leblos. Sie scheint in einem Schneckenhaus zu stecken, das nicht für sie gemacht ist. Und doch gibt es magische Momente. Kreon und Antigone Aug in Aug. Der Onkel erklärt ihr, warum der Leichnam ihres Bruders Polyneikes nicht bestattet werden darf. Maliziöse Abhängigkeiten und Zusammenhänge blitzen auf. Hier schenkt uns Johan Simons einen Moment des Gewissens.

Kurze, elektronische Musikeinschübe von Tristan Wulff unterstreichen den Stil der Inszenierung. Jens Harzer läutet fortwährend mit einem Glöckchen. Getuschel unter den Jugendlichen. Ratlosigkeit. Handelt es sich um das Totenglöckchen der Antigone oder um den Publikumsjoker, der beim unlösbaren Rätsel der Sphinx gezogen wurde, über das Ödipus triumphierte?

Und wer ist nun das? Etwa Haimon – Kreons Sohn? Teiresias – Rat und Warnung? Zum Abschluss werden die Götter beschworen. Grünzeug gebracht. »Bäumchen rüttel dich, Bäumchen schüttel dich.« Lässt Zeus etwa Gewissen regnen?

Auch das klug gestaltete Bühnenbild von Johannes Schütz gibt darüber keine Auskunft, obwohl es Tiefe besitzt. Es bietet Kaskaden an Anwendungsmöglichkeiten, um den Sophokles-Politthriller Antigone in die Köpfe zu transportieren. Auf Kreisbahnen rotieren weiße Planeten: Knochen, Schüssel, Schädel, Geweih, Ball und vieles mehr … Darüber schwebt mittig ein auf beiden Seiten offenes Rechteck aus Papier – das Grab der Antigone … die Stadtmauer von Theben.

Ismene, Kreon und Antigone zerfetzen sie nach und nach.

Ein Stahlskelett bleibt zurück. Große Leere.

So muss sich Mary L. Trump in ihrem Heim auf Long Island, New York fühlen ─ lebendig begraben,

da sie ihrem Gewissen folgte und zu Onkel Trump NEIN sagte.