Das Hay Festival of Literature & Arts in Hay-on-Wye ist bekannt dafür, die weltweit führenden Autorinnen, Denker und Aktivistinnen zusammenzubringen. In diesem Sommer brachte die britische Dramatikerin und Schauspielerin Joanna Pickering mit ihrem Ein-Personen-Stück Don’t Harm the Animals eine gewaltige theatralische Präsenz mit und lieferte eine der eindringlichsten Live-Performances des Festivals ab.
Das Stück beleuchtet die Nachwirkungen eines sexuellen Übergriffs am Beispiel der Geschichte von Jane – einer Frau, die in Isolation lebt und versucht, mit dem fehlenden Rückhalt ihres Umfelds zurechtzukommen. Im Festivalprogramm traten unter anderem auch Gisèle Pelicot und die Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai auf, was den übergeordneten Fokus des Festivals auf die Narrative von Frauen und ihre Widerstandskraft widerspiegelte.
Pickerings Stück wurde von dem BAFTA-prämierte Fernsehregisseur Philip John inszeniert, der vor allem für seine Arbeit an Downton Abbey und Marvel-Produktionen bekannt ist. Don’t Harm the Animals markierte Johns Debüt als Theaterregisseur. Es wurde an aufeinanderfolgenden Tagen im Bookshop Marquee aufgeführt und im Rahmen einer „Spoken Word Gala“ auf der Hay Festival Global Stage präsentiert. Die Vorstellung spielte vor ausverkauftem Haus mit 1.800 Zuschauern und wurde im Livestream übertragen, der für Millionen digitaler Mitglieder in über 70 Ländern zugänglich war.
Emma Stoddart war vor Ort auf dem Festival und besuchte die Eröffnungsvorstellung im Bookshop Marquee.
Hier ist ihre Kritik:
Joanna Pickerings Don’t Harm the Animals hinterließ ein Gefühl, dass wir uns fernab vom traditionellem Theater befinden – der Betrachter glaubte vielmehr, jemandem in Echtzeit dabei zuzusehen, wie er ums eigene Überleben kämpft. Durch die Auseinandersetzung mit dem Trauma eines sexuellen Übergriffs und einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) untersucht die Produktion die anhaltenden Auswirkungen von Erfahrungen, die einen Menschen noch lange nach dem eigentlichen Ereignis prägen.
Was die Performance so fesselnd macht, ist, dass Pickerings Stück die Figur nicht zum Klischee verkommen lässt. Jane ist nicht als zerbrechlich oder heiligenartig angelegt. Sie ist chaotisch, scharfzüngig, defensiv, unglaublich selbstreflektiert und mitunter fast unmöglich zu durchschauen. Diese Komplexität lässt sie zutiefst real wirken.
Das Skript ist kraftvoll, und in Kombination mit der Intensität von Pickerings Spiel – geführt von Johns Präzision – entsteht ein eindringliches und berührendes Theaterstück.
Was mich beim Besuch der Premierennacht am meisten beeindruckte, war Pickerings Zurückhaltung. Viele Solo-Performances verwechseln Lautstärke mit Intensität, aber sowohl Pickering als auch John verstehen, dass allein die Stille die Kraft besitzt, weitaus verheerender zu wirken. Pickering ließ Pausen unangenehm und emotional unaufgelöst im Raum stehen und zwang das Publikum so, das Gewicht dieser Emotionen mit auszuhalten. Und genau deshalb wirken die Risse, wenn sie schließlich sichtbar werden, umso härter.
Pickering versteht, dass Theater über Traumata nur dann funktioniert, wenn es das Risiko emotionaler Ehrlichkeit eingeht, und John verstärkt dies, indem er auf jegliches Theatralisieren verzichtet. Nichts hier wirkt aufgesetzt. Es wirkt schonungslos offenbarend.
Es ist nicht immer angenehm zuzusehen – und das sollte es auch absolut nicht sein –, aber Joanna Pickering zeigt eine Leistung, die es unmöglich macht, wegzusehen.
Emma Stoddart ist eine schottische Autorin, Produzentin, Regisseurin und Content-Creatorin (unter anderem Videobloggerin, Influencerin und Kritikerin für Kunst und Unterhaltung), die große Festivals und Filmvorführungen besucht. Mit ihrem Hintergrund im Theaterbereich hat sie eine Reihe von Bühnenproduktionen geschrieben, produziert und inszeniert, wobei der Fokus auf charaktergetriebenen Geschichten und gesellschaftlich relevanten Themen liegt. Neben ihrer kreativen Arbeit erstellt sie über ihre TikTok-Serie Screen & Substance Film- und Fernsehinhalte und entwickelt derzeit originale Schreibprojekte über ihre Firma Kirkstod Media.
Don’t Harm the Animals wurde zunächst im Bookshop Marquee aufgeführt und kam dann auf die Global Stage des Hay Festivals im Rahmen von Speaking Up for Success: A Spoken Word Gala präsentiert – an der Seite von Mitwirkenden wie Miriam Margolyes, Larry Lamb, Paterson Joseph und Cressida Cowell, moderiert von Frank Cottrell-Boyce. Dieses Event ist ab sofort für Mitglieder auf der Website des Hay Festivalszu sehen, und es unterstützt Kinder lokaler Schulen in den darstellenden Künsten.
Don’t Harm the Animals wurde ursprünglich 2023 als Teil einer Monologsammlung zum Thema sexuelle Gewalt für Annie Lennox Wohltätigkeitsorganisation The Circle geschrieben (produziert von Lorien Hayes). Das Werk entwickelte sich später zu einem eigenständigen Ein-Frau-Stück weiter. Es feierte seine Premiere am Chain Theatre in New York City mit Melody Brooks und wurde seitdem als Benefizvorstellung aufgeführt.
Joanna Pickering ist eine vielfach ausgezeichnete britische Schauspielerin und Dramatikerin. Ihr Stück Lara’s Journey wurde per Livestream an mehr als eine Million Zuschauer übertragen, um Spenden und Aufmerksamkeit für ukrainische Flüchtlinge zu sammeln. Ihr abendfüllendes Theaterstück Crash Landing ist derzeit bei einem mit dem Broadway-Award ausgezeichneten Team in Auftrag gegeben, während ihre Novelle Jen Z am 10. November bei Ann Patchetts Parnassus Books in der Shadowlands Collection (Blackstone Publishing) erscheint. Ihre Stück-Trilogie Truth, Lies and Deception ist über The Drama Book Shop und Next Stage Press erhältlich.
Für zukünftige Termine und Werke besuchen Sie: www.joannapickering.com
Philip John bringt mehr als 25 Jahre Erfahrung in Fernsehen und Film mit. Er ist BAFTA-Gewinner für Bang und mehrfach nominiert für Downton Abbey und Being Human. Zu seinen Regiearbeiten gehören Downton Abbey, Outlander und Marvel-Produktionen wie Iron Fist, Cloak & Dagger sowie Runaways. Zu seinen Spielfilmen zählen Wedding Belles und Moon Dogs; sein kommender Spielfilm The Long Way soll 2026 in Produktion gehen.
Weitere Informationen zu Philip Johns Arbeit unter: www.philipjohn.net | Instagram: @philiprayjohn
Produktionsteam:
Skript-Assistenz: Estefania Martir Rohena
Bühnenleitung: Aaron John
W.E.L SAFE bot während des Festivals Unterstützung für das Wohlbefinden des Publikums an.