Als Nabucco 1842 im österreichisch besetzten Mailand Premiere feierte, erhob das Publikum Giuseppe Verdis Werk über seinen musikalischen Gehalt hinaus zu einem gesellschaftspolitischen Fanal. Das Drama um das alttestamentarische babylonische Exil spiegelte die Sehnsucht eines zersplitterten und fremdbestimmten Italiens nach Freiheit und nationaler Selbstbestimmung wider. Günter Maria Bregulla, der für TL27 in Verona war, ließ sich von der revolutionären Botschaft dieser Oper anstecken und war vor allem von der wuchtigen Bildsprache beeindruckt.
Als Nabucco am 9. März 1842 an der Mailänder Scala uraufgeführt wurde, existierte ein vereintes Italien nur als geografischer Begriff und literarischer Traum. Norditalien – darunter auch Mailand und Verona – stand unter der harten Knute des Habsburgerreichs – und gehörten zum Königreich Lombardei-Venetien. Die österreichische Zensur – unter der Leitung des gefürchteten Architekten Europas, Fürst Klemens Wenzel Lothar von Metternich, überwachte Theaterstücke und Libretti akribisch auf subversive, nationalistische Inhalte.
Regisseur Stefano Poda bewies auch in der Saison 2026 sein außergewöhnliches Gespür für den monumentalen Raum der römischen Arena. Seine Inszenierung verzichtete auf verstaubten Kitsch und setzt stattdessen auf eine zeitgenössische, fast schon sakrale Bildsprache. Poda nutzte die Weite und Höhe des antiken Amphitheaters meisterhaft. Mit klaren geometrischen Formen, gewaltigen Licht- und Schattenspielen sowie symbolträchtigen Farbkontrasten erzeugte er Bilder von beklemmender Intensität. Die riesigen Chor- und Statisten-Gruppen wurden wie lebendige Skulpturen choreografiert, was dem Drama um Unterdrückung, Machtwahn und Befreiung eine universelle Wucht verleiht.
Das Skript ist kraftvoll, und in Kombination mit der Intensität von Pickerings Spiel – geführt von Johns Präzision – entsteht ein eindringliches und berührendes Theaterstück.
Verdis frühes Meisterwerk lebt von seiner rhythmischen Energie und berührenden Melodien. Am Dirigentenpult führte Michele Spotti das Orchester der Arena mit viel Gespür für Verdis Tempi und Dynamik. Der Klang entfaltet sich in der fantastischen Freiluft-Akustik präzise und kraftvoll. Die anspruchsvollen Hauptpartien waren mit dem mongolischen Bariton Amartuvshin Enkhbat als Nabucco und mit der uruguayischen Sopranistin Maria José Siri in der mörderischen Rolle der Abigaille hochkarätig besetzt. Und sie überzeugten das Publikum mit emotionaler Tiefe, wie nicht nur der tosende Applaus am Ende, sondern auch die Standing Ovations der noch auf dem Platz rund um die Arena feiernden Besucher zeigten, als das Ensemble gegen 1 Uhr nachts die Arena verließ.
Die Nabucco-Inszenierung der Spielsaison 2026 in Verona war für mich jedenfalls ein emotionaler Höhepunkt meiner bisherigen Musikerlebnisse. Einziger Störfaktor: Da die Arena di Verona ein Muss nicht nur für Opernliebhaber ist, zieht sie eine besondere Art Event-Publikum an, das mit dem Proseccobecher in der Hand sich selbst mehr als die Darsteller feiert.
Werk: Nabucco
Komponist: Giuseppe Verdi
Libretto: Temistocle Solera
Ort: Arena di Verona Opera Festival 2026
Musikalische Leitung: Michele Spotti
Inszenierung, Bühne, Kostüme & Licht:
Stefano Poda