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Joanna Pickering: Erzählerin, die etwas bewirkt

New York, 25. Februar 2026
ein Interview von

Günter Maria Bregulla


Fotos:

Craig MacLeod

Instagram: @macleodimages

Die britische Schauspielerin und Autorin Joanna Pickering, die in New York arbeitet, gilt als markante Stimme des zeitgenössischen Theaters. Ihr Weg in die Kunst war alles andere als konventionell: Aufgewachsen im Norden Englands, absolvierte sie in Schottland ein Studium der Mathematik. Nach dem erfolgreichen Abschluss entschied sie sich erst einmal unter anderem Superyachten in Südfrankreich zu verkaufen. Dieser Job ermöglichte ihr, Schauspielunterricht zu nehmen und ein Nomadenleben zu führen. Kein Wunder, dass ihre Arbeit als Dramatikerin heute oft als vielschichtig, tiefgehend und im Stil an das Absurde grenzend beschrieben wird. Auf jeden Fall spricht sie in ihren intensiven, psychologischen Dramen aus einer klaren weiblichen Perspektive.

Zu ihren jüngsten Projekten gehört der Thriller-Soloabend „Crash Landing“, der diesen Winter mit einem für den Broadway-Tony nominierten Team Premiere feiern soll und in dem sie selbst auftritt. Derzeit gibt es Voraufführungen im The Tank in New York City. Außerdem begeistert ihr Stück „It’s Only Rock ’n’ Roll Baby“ das Publikum, ebenso wie das Einakterstück „Until Death Do Us Part“.

Große Aufmerksamkeit erhielt ihr Soloabend „Lara’s Journey“, der aus dem ausverkauften Theater 555 in New York live gestreamt wurde und mehr als eine Million Zuschauer zur Unterstützung von Geflüchteten erreichte. Das Stück wurde von ukrainischen Aktivisten präsentiert, mit Beiträgen von Ikonen wie Gloria Gaynor und Kathy Sledge. Beim Off-Avignon wurde es als „meisterhaftes Werk, das die anderen Stücke übertrifft“ rezensiert. Es übertraf damit noch ihr Debüt als One-Woman-Show „Don’t Harm the Animals“  von 2023.

Joanna machte erstmals 2019 mit ihrem Debüt „Beach Break“ auf sich aufmerksam, geschrieben für das Primitive Grace Theater (David Zayas, Paul Calderon), als Reaktion auf deren Suche nach Federico García Lorcas Konzept des „Duende“ – Kunst, die jenseits von Technik die wahrhaftigste Form von Emotion besitzt. Das Stück wurde nicht nur ausgewählt und preisgekrönt, es begeisterte den damaligen Vizepräsidenten Talent Acquisition von HBO und wurde als von HBO gesponsertes Hörspiel ausgestrahlt. Damit startete Joanna Pickerings Karriere als Dramatikerin. 

Es folgten die Trilogie „Truth, Lies and Deception“ mit „Cat and Mouse“, einem rasanten und kontroversen Einakter, der das Publikum noch lange nach dem Fallen des Vorhangs diskutieren ließ, sowie „Sylvie and Sly“ über Altersdiskriminierung in Hollywood. „Bad Victims“, bekannt für das Aufbrechen von Vergewaltigungsmythen, war zwei Spielzeiten im Courtyard Theatre in London ausverkauft. Zuschauer beschrieben Joanna Pickerings Stil als „Kane trifft Coward mit einem Hauch Tarantino“. 2022 wurde „The Endgame“, das während einer Schachpartie spielt, als so intensiv bezeichnet, dass man “eine Stecknadel fallen hört.“ Da das Publikum noch drei Jahre später darüber sprach, wurde das Stück 2025 vom New Perspective Theater wieder aufgeführt. „Sylvie and Sly“ befindet sich derzeit in Produktion für den Bildschirm, mit dem siebenfachen Emmy-Preisträger Gary Donatelli („One Life to Live“) als Regisseur und mit der Emmy-nominierten TV-Darstellerin Ilene Kristen („Ryan’s Hope“, „One Life to Live“) sowie dem TV-Moderator Nelson Aspen in den Hauptrollen. Produzent Eric Krebs hebt die Bedeutung von Joanna Pickerings eigener Performance beim Erzählen ihrer Geschichten hervor, die er als außerordentlich energiegeladen auf der Bühne beschreibt.

Als Filmschauspielerin gewann Joanna sechsmal den Preis als Beste Schauspielerin auf dem Independent-Circuit. Doch statt kommerzielle Drehbücher auszuwählen, wirkte sie vor allem in Kult- oder gesellschaftlich engagierten Projekten mit. „Pelleas“ an der Seite von Alice Eve (Sex and the City 2 oder Star Trek Into Darkness) wurde im Whitney Museum im Rahmen der Ausstellung „The Incomplete History of Protest“ gezeigt. Hinzu kommen Kultfilme aus der Rockindustrie, Hauptrollen in experimentellen Filmen („Kubricks“ von Alan McGee) oder kleinere Rollen in „Creation Stories“ von Irvine Welsh, Nick Moran und Danny Boyle – alles im Kontext des Aufstiegs von Bands wie Oasis und der Britpop-Ära, die an ihre nordenglischen Wurzeln anknüpft.

Während sie sich über die Aufmerksamkeit für ihre neue One-Woman-Show freut, wollten wir Joanna als Grenzgängerin zwischen Kunst und Aktivismus kennenlernen. Als Rednerin bei den Vereinten Nationen und Teilnehmerin an Panels zur weiblichen Agenda äußerte sie sich zum Einfluss aktueller gesellschaftlicher Themen auf kreative Gemeinschaften, insbesondere in den USA.

Schön, dass Du zwischen den Proben zu Deiner One-Woman-Show in New York Zeit für ein Gespräch gefunden hast. Wir freuen uns sehr, Dich als Botschafterin gewonnen zu haben. Möchten Du uns erzählen, was Dich für diese Aufgabe begeistert hat und wie Du Dich mit unserer Mission identifizierst?

Ein Magazin, dessen Mission es ist, Erfolg für Künstler neu zu definieren und zu diskutieren, ist wichtig. Das interessiert mich. Ich bin eine leidenschaftlich unabhängige Künstlerin, die ihren eigenen Weg gegangen ist, indem ich den Mainstream gemieden habe, um frei über das zu schreiben, was ich schreiben möchte. Wenn man fünf Stücke über Geschlechter-ungleichheit geschrieben hat, stehen die Finanzleute – vor allem die Männer – nicht gerade Schlange, um sie zu finanzieren. Statt zu warten, habe ich meine Stücke als Co-Produzentin selbst auf die Bühne gebracht. Alles änderte sich, sobald meine Stücke aufgeführt wurden, denn das Publikum reagierte auf psychologische Dramen, die sich um emotionale Wahrheit drehen – auch wenn die Botschaft hart war. Auch wenn es zunächst nur Black-Box-Theater waren, die ich mit meinen Stücken in New York, London und Paris ausverkauft habe – aber die Leute begannen aufzuhorchen. Männliche und weibliche Produzenten oder Filmverleiher wollten plötzlich ein Stück vom Kuchen. 

Was aus dieser Reise klar wird: Man macht das definitiv nicht fürs Geld. Das ist gut so, denn wenn man seine Geschichte erzählen will, ohne dass sie verbogen wird, muss man neu definieren, wie man Erfolg misst. Es geht nicht um den Scheck, schon gar nicht im Theater. Es geht darum, wie die eigene Geschichte echte Zuschauer berührt. Erfolg für mich bedeutet, dass mein Publikum weinend zu mir kommt, um mir zu danken, dass ich ihre Geschichte erzählt habe, die sie selbst nie gewagt hätten zu erzählen. Oder dass Zuschauer Themen neu überdenken und ihre Haltung verändern. Das ist für mich die Definition einer erfolgreichen Dramatikerin – und wahrscheinlich eines jeden Künstlers: Menschen provozieren, sie zum Nachdenken bringen und den Status quo infrage stellen. Einen Künstler nur nach finanziellem oder kommerziellem Bekanntheitsgrad zu beurteilen, bedeutet, ein gewisses Maß an Konformität zu messen. Ich sehe Kunst in erster Linie und im Wesentlichen als Rebellion, als Protest, als Kampf.

Würdest Du so Dein Verständnis der Rolle der Kunst beschreiben – und die Verantwortung, die der Einzelne im Kreativsektor trägt, um die gesellschaftliche Entwicklung zu prägen und zu beeinflussen?

Ja. Ich glaube fest daran, dass Kunst die Kraft hat, bei Menschen Wirkung zu erzeugen und Probleme in unserer Welt zu verändern. Wenn man diese Aufgabe entfernt, arbeitet man im Verkauf, im Marketing oder in der Werbung. Ein Meisterwerk ist meiner Meinung nach etwas, das all diesen Lärm ausschaltet. Unabhängig davon, ob es Geld einbringt, erreicht die Botschaft diejenigen, die sie brauchen. Es vereint und erbaut das Publikum – sei es, um ihnen zu sagen, dass sie nicht allein sind, um denen eine Stimme zu geben, die zum Schweigen gebracht wurden, um einem Verhalten, das wir ändern wollen, den Spiegel vorzuhalten, oder einfach, um ihnen ein gutes Gefühl zu geben. Wenn man das schafft, ohne belehrend zu sein, und das Publikum nach Hause geht und danach über das Werk spricht, um eine Botschaft zu entdecken – dann ist das Vermittlung und Wirkung. Das ist die Rolle der Kunst. Sie provoziert Gespräche über Themen, vor denen wir uns normalerweise verstecken, um Veränderungen anzustoßen.

Und die Verantwortung?

Was die Verantwortung betrifft? Ich denke, die Verantwortung besteht darin, den Außenseiter zu unterstützen, diejenigen, die eine Stimme auf einer größeren Plattform brauchen. Aber auch hier müssen wir vorsichtig sein. Ich bin gegen jede Form von Zensur, also müssen wir offen für alle Inhalte sein, selbst wenn man die Sichtweise ablehnt. Der Ausdruck „Ich mag nicht teilen, was Sie sagen, aber ich werde Ihr Recht, es zu sagen, bis zum Tod verteidigen“ – das haben wir in der heutigen Zeit verloren. Wir haben die gleiche Verantwortung, dafür zu kämpfen, dass es okay ist, nicht einer Meinung zu sein und eine offene Debatte zu führen. Ich glaube, Kunst muss das Recht behalten, ein Element der Gefahr zu haben und kontrovers zu sein.

Die größte Verantwortung liegt auch bei den Geldgebern: Sie müssen es wagen, Narrative auf die Bühne zu bringen, die kontroverse Geschichten erzählen. Ich glaube, alles, was im wirklichen Leben passieren kann, kann auch auf der Bühne passieren. Ich habe keine Angst davor, zum Kern der Sache vorzudringen und einen Schlag in die Magengrube zu versetzen. Ich habe keine Angst, das zu tun, selbst wenn mir jemand sagt: „Das kannst du nicht auf die Bühne bringen.“ Tja, wissen Sie was? Ich habe es gerade getan.

Deine Arbeit ist die Supermacht – die Geschichte –, nicht irgendeine einzelne Person. Die Arbeit ist mächtiger als jeder drumherum, einschließlich der Autorin. Alles, was es braucht, ist, dass die Botschaft bei einer etablierten Persönlichkeit Resonanz findet, die dann spielt, inszeniert oder produziert – und so entsteht eine Brücke über die Ungleichheiten der Branche hinweg.

Das bezieht sich auf Dein Stück The Endgame?

Ja. The Endgame ist ein Stück über Vergewaltigung im Bekanntenkreis. Es hat einen Theater-Vorstand tagelang beschäftigt, weil es als zu riskant galt. Warum? Weil eine Frau Schach mit dem Mann spielt, der sie vergewaltigt hat. Wenn man das für riskant hält, hat man keine Vorstellung davon, wie 97 % aller Vergewaltigungen ablaufen. Die Produzenten haben sich am Ende darauf eingelassen, und ich kann versprechen: Nachdem man das Stück gesehen hat, überlegt man es sich zweimal, bevor man zu einem Opfer sagt: „Das kann nicht wahr sein, warum bist du nicht zur Polizei gegangen?“ Ich habe Sie durch ein wendungsreiches Drama geführt, und jetzt stehen Ihre eigenen Ansichten infrage.

Die Mission dabei ist einfach: Es geht darum, Menschen zu helfen, ein Narrativ aus einer besseren, von Frauen geführten Perspektive zu verstehen. Aber statt Politik will ich das durch ein dramatisches, unterhaltsames Erlebnis erreichen, ohne jemandem Soziopolitik in den Rachen zu schieben. Wann hat das jemals etwas gelöst? Ich glaube auch, dass wir die Verantwortung haben, von den sozialen Medien wegzukommen und nicht mehr in eine Echorunmer zu schreien. Erschaffe das Kunstwerk und lass es auf dein Publikum los – das ist mein Job –, verantwortungsbewusst erledigt.

Welchen Rat hast Du für junge Künstler, die sich in der aktuellen Situation zurechtfinden müssen?

Wenn es keine Rebellion ist und du nicht bereit bist zu kämpfen, geh nicht in die Kunst. Das Bedürfnis zu erschaffen und der Kampf ums Überleben müssen größer sein als all die Ablehnungen und die Ungerechtigkeit des Mainstream, die dich niederknüppeln werden. Man macht Kunst, weil man nirgendwo sonst hineinpasst. Wenn du irgendwo anders hineinpasst und auf eine Weise Geld verdienen kannst, die dir Spaß macht, wärst du dort besser aufgehoben. Andernfalls hast du dieses Feuer, um Härten zu ertragen, bis sie zu deinem kreativen Gold werden. Dann wird es – absurd genug – zum Vergnügen. Du musst auch deine persönliche Arbeit mit anderen teilen, was qualvoll ist. Erfolg kann nicht als Geldverdienen definiert werden, zumindest nicht am Anfang, da Geld aufgrund eines bescheidenen Systems kommt und geht, das Künstler abwertet, während es ihre Kunst einfordert. Erfolg muss also als das kontinuierliche Abschließen dieser Reise des Durchhaltens definiert werden, um sein Werk regelmäßig mit einem Publikum zu teilen.

In Deutschland, wie in vielen anderen europäischen Ländern, steht die Kreativwirtschaft vor einer dauerhaften strukturellen Herausforderung: Sie präsentiert sich selten als einheitlicher Sektor. Trotz ihrer erheblichen wirtschaftlichen Relevanz werden Kreative oft nur als isolierte Einzelakteure wahrgenommen – eine Wahrnehmung, die zu erheblichen systemischen Nachteilen führt. Wie stellt sich diese Situation aus Deiner Sicht im Vergleich zu den USA dar, und in welche Richtung entwickelt sich die amerikanische Kreativwirtschaft? Gibt es zum Beispiel eine bedeutsame Form der Solidarität zwischen großen, finanziell erfolgreichen Kulturfiguren und weniger bekannten oder aufstrebenden Künstlern – und wenn ja, wie äußert sich diese?

Die USA sind ein ganz anderes Spiel, bei dem von einem erwartet wird, „das Spiel mitzuspielen“. Es gibt viel Heuchelei, selbst im liberalen Sektor, da dieser an der Spitze durch enormen Reichtum verwässert wird. Man braucht diesen enormen Reichtum, um es in den USA zu schaffen – nicht in erster Linie Talent. Ich erinnere mich, dass mir gesagt wurde, man brauche nur eine Million Dollar, um in seinem Bereich berühmt zu werden. Dieses System schafft einen geschlossenen Kreislauf, der fast unmöglich zu durchdringen ist, es sei denn, man ist hineingeboren, hat jemanden, der einem die Tür öffnet, oder man finanziert es selbst. Sobald ein System von „Gatekeepern“ abhängt, hat man ein Modell geschaffen, das von Macht und Status lebt und leicht Korruption und Ausbeutung hervorbringt.

Das bedeutet für jeden einzelnen aufstrebenden Künstler ohne diesen Eliten-Zugang, dass das System ihn sofort angreifbar und verwundbar macht. Wenn man es doch schafft einzubrechen und den Mächtigen eine Geschichte zeigt, regiert das Geld den Inhalt. Die Bosse wollen die Geschichte, die der letzte Kassenschlager war, nicht diejenige, für die jemand ein neues Risiko eingehen müsste. Das bedeutet, dass von Minderheiten geführte Narrative weniger finanziert werden – die weibliche Perspektive ist weniger bekannt.

Aber hier ist das Positive an der Entwicklung: Die meisten Geschichten, die an den Kinokassen alle Rekorde brachen, wurden selbst auf diesem kommerziellen Niveau nicht vorhergesagt. Sie waren einzigartig kontrovers und kamen aus dem Nichts, weil eine Person ein Risiko für ein einzigartiges Narrativ eingegangen ist. Und das Publikum liebt vielfältige Geschichten. Die Geldleute wissen nicht immer, was sie wollen oder was ein Hit wird, außer dass sie sich an vergangene Trends klammern. Was jedes Mal einschlägt, ist frische, persönliche, emotionale Wahrheit im Storytelling. Nur der Geschichtenerzähler oder Kreative besitzt diese Macht.

Und wie steht es um die Solidarität?

Was die Solidarität betrifft? Der schnellste Weg, etwas zu bewegen, ist, einem Künstler zu sagen, dass es unmöglich ist. Sobald ich das Wort „unmöglich“ höre, stehe ich auf und trommle die Truppen zusammen. Man findet ein Team von gleichgesinnten Kriegern. Man umgibt sich mit eigenen Teamplayern, die daran glauben und sagen: „Ja, wir werden das tun.“ Dass meine Arbeit zustande kam, verdanke ich vielen Frauenorganisationen, als ich anfing.

„Wenn ein Schauspieler zu mir kommt und sagt: ‚Ich bekomme keine Arbeit, weil ich einen nordenglischen Akzent habe‘ – ich komme selbst aus dem Norden Englands –, dann verstehe ich sofort, dass es für diese Person hundertmal schwerer ist. Ich werde umso härter dafür kämpfen, dass du eine Rolle in meinem Werk bekommst. So war es auch bei der talentierten Alfie Scott aus dem Nordosten. Das Casting bewegte sich bereits in eine andere Richtung, und doch bin ich eine im Norden geborene Geschichtenerzählerin; das Stück ist von dieser Zeit meines Lebens inspiriert – wie könnte sie also nicht die Richtige für diese Rolle sein? Auf meinen Wunsch hin holten wir sie für ein Recall zurück, und am Ende spielte sie die Rolle der Layla in meinem ersten Stück, während sie über ein Stipendienprogramm beim National Youth Theatre ausgebildet wurde.

Der entscheidende Schlüssel ist, der eigenen Identität und der eigenen Arbeit zu vertrauen und stolz darauf zu sein. Sie werden so zu deinen ganz eigenen Werkzeugen für den Erfolg. Die Mission deiner Arbeit und deine Themen führen dich zu den Menschen, die genau diese Themen finanzieren wollen – und diese Menschen kommen zu dir; du läufst niemandem hinterher.

Es kann großartige Kooperationen zwischen etablierten Mainstream-Stars und aufstrebenden Künstlern geben, denn das Werk ist die Superkraft – die Geschichte –, nicht eine einzelne Person. Das Werk ist mächtiger als jeder, der daran beteiligt ist, einschließlich des Autors. Es braucht nur die Botschaft der Geschichte, die bei einer etablierten Persönlichkeit Resonanz findet – jemandem, der das Werk aufführt, Regie führt, es finanziert oder produziert –, und schon entsteht ein gemeinsamer Weg, der die Kluft der Ungleichheit in der Branche überbrückt. Was diejenigen betrifft, die nicht ‚deine Leute‘ sind: Egal, was sie versprechen, es wird schwierig werden. Brücken hinter sich abzubrechen ist keine schlechte Sache, wenn man unterschätzt wird.

Das politische Klima in den USA ist stark polarisiert. Der extrem rechte Flügel, der einen erheblichen Einfluss innerhalb der Republikanischen Partei ausübt, wird häufig beschuldigt, autoritäre Tendenzen zu entwickeln. Umgekehrt werfen Republikaner den Demokraten oft vor, gefährliche Formen des Sozialismus oder sogar Kommunismus zu pflegen. Wie wirkt sich dieses polarisierte Umfeld auf die breitere kreative Landschaft in den USA aus?

Es gibt viele Störgeräusche, vor allem online. Es ist so ermüdend, unter diesen Umständen kreativ zu arbeiten. Social Media kann überwältigend und polarisierend sein und macht es schwierig, den öffentlichen Diskurs zu navigieren, egal wo du im politischen Spektrum stehst. Die Nutzung von AI-Memes hilft nicht. Ich wünsche mir, alle würden für Politik von Social Media runtergehen und ihre Energie vitaler einsetzen. Wir sind in den Armen einer verrückten Gesellschaft gefangen, in der Schuldkultur, Cancel Culture und Verleugnungskultur auf beiden Seiten herrschen, und die Waffe ist Social Media. Alles wird Propaganda, und die Leute sind Marionetten darin, ohne es zu merken. Während es berechtigt wirkt, online Empörung auszudrücken, polarisiert das das Problem immer mehr. Das machen Algorithmen. Dazu kommt, dass niemand mehr als die erste Zeile von irgendwas lesen kann. Es gibt nirgendwo mehr kritisches Denken, was der Kern von Kunst, Philosophie und einem demokratischen zivilisierten Land ist. Dadurch wird der kreative Output geschädigt – die Gesellschaft verdummt und das freie Denken wird zensiert.

Abgesehen davon gibt es auch echte und riesige Probleme für die breitere kreative Landschaft. Was in den USA passiert, ist, dass Kunstförderungen und Finanzierungen gekürzt werden, was Künstler und die erzählbaren Geschichten direkt betrifft. Diversity-Programme werden gestrichen, was toll ist für alle, die Wokeness und Zensur satt haben – es sei denn natürlich, du bist eine schwarze Frau, die ihren Job verliert. Aber wieder läuft es auf dieselbe Rebellion der Kreativen hinaus. Wir hatten es nie leicht, wir gedeihen in Widrigkeiten und prosperieren gegen alle Chancen immer wieder. Das werden wir jetzt auch. Künstler müssen ruhig bleiben, fokussiert und tun, was wir immer tun – Kunst machen, die für die spricht, die sie brauchen.

Gleichzeitig haben viele Menschen mit Migrationshintergrund  — und sehr oft gerade auch die, die zum wirtschaftlichen Aufschwung und zur kulturellen Bereicherung in den USA beitragen – Angst vor dem, was mit der Strafverfolgung passiert. Ganze Industriezweige haben starke Bedenken, weil sie auf internationale Arbeitskräfte angewiesen sind. Wie  nimmst Du dies als Britische Künstlerin in den Vereinigten Staaten wahr?

Die Situation ist angespannt. Du fragst das eine Immigrantin in den USA. Sagen wir einfach, ich bin vernünftig vorsichtig, wenn ich Interviews gebe. Das ist alles, was du über die Realität wissen musst. Allerdings habe ich keine Angst zu sagen, dass ich stark für das Leben, die Sicherheit und Gerechtigkeit aller Bürger empfinde, einschließlich Immigranten, basierend auf jüngsten Ereignissen. Diversität war immer der Rahmen unserer größten und lebendigsten Städte, und sie mit Terror und Widerstand zu füllen, erweist sich jetzt nicht als Schlüssel zur Sicherheit. Am Ende des Tages liebe ich Amerika. Ich bin sehr stolz, dort zu arbeiten, aber wie überall auf der Welt ist die aktuelle politische Landschaft stressig. Ich will nicht über Politik reden müssen. Ich will meinen Job machen und Kunst schaffen, die mit den kulturellen Werten übereinstimmt, die ich vertrete.

Abschließend noch eine Frage: Gibt es innerhalb der Kreativbranche eine weitgehend geteilte Haltung zur Einwanderung – und wenn ja, wie äußert sich diese Position in der Praxis?

Gestern Abend habe ich ein großartiges Stück mit dem Titel „Chinese Republicans“ von der Roundabout Theatre Company gesehen, geschrieben von Alex Lin. Wie der Titel andeutet, ist es ein kluges Stück, das sich mit Identität in den USA auseinandersetzt – durch die Linse chinesischer Republikaner. Meine Freundin Jodi Long spielt darin zusammen mit einem großartigen Ensemble.

Mein eigenes Stück „Lara’s Journey“ handelt von der Reise einer Geflüchteten, die von Yeva Sevriukova gespielt wird. Yeva kam 2022, als die Ukraine von Russland angegriffen wurde, legal in die USA. Als Künstler:innen geht es uns nicht darum, Politik zu formulieren. Es geht um Menschlichkeit. Und genau das fehlt weltweit – nicht jedoch in unserer künstlerischen Arbeit und nicht in unseren kreativen Gemeinschaften. 

Danke für das Gespräch. Hast Du zum Abschluss noch irgendwelche Anmerkungen?

Am 12. März findet eine Preview von meiner neuen Show Crashlanding im The Tank Theater in New York statt. Das Publikum ist herzlich eingeladen, eine besondere Voraufführung zu erleben – nichts ist so, wie es scheint. Mehr verrate ich nicht.

Denkt immer daran: Mehr Liebe, weniger Hass – überall.