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Fragst Du Dich?

Roccalbegna, Italia, 5. März 2026
eine musikalische Pilgerfahrt
von

Lorenzo Bedini

... wie so ein Lied entsteht?

Eine Kirchenglocke läutet. Ihr fast verlorener Klang betont kurz die Stille – als plötzlich eine Blaskapelle einsetzt. Ich blicke von meinem Balkon auf eine Prozession feierlich blickender Erwachsener, die angeführt vom Pfarrer und begleitet von fröhlichen Kindern durch die Straßen aus dem 12. Jahrhundert ziehen. Denn heute ist der Tag, an dem in Roccalbegna die Autos gesegnet werden. Mir gegenüber, auf der anderen Straßenseite, ragt ein gewaltiger Fels auf, wie ein Berggipfel, der gerade mal schnell in die Stadt gekommen ist, um irgendetwas zu erledigen. Er ist gekrönt von der einsamen Ruine eines Wachturms; ein verwitterter steinerner Wächter, der geduldig durch die Jahrhunderte steht und über die eng aneinandergereihten Dächer und das Flusstal wacht, das sich durch die dicht bewaldeten Berge und Hügel dahinter windet – wartend auf etwas oder jemanden, der nie gekommen ist und wahrscheinlich auch nie kommen wird.

Wir sind, wie die Einheimischen sagen, „in mezzo ai lupi“: mitten unter den Wölfen.

Es ist leicht, in dieser uralten Siedlung mit ihren etruskischen Wurzeln ein Shangri-La der Alta Maremma zu sehen, jener wilden, dünn besiedelten Region in der südlichen Toskana, einen Zufluchtsort vor dem modernen Wahnsinn unserer 24 Stunden-7 Tage-Welt voller Anspruchsdenken. Und doch fallen, beim Blick, der über die Dächer schweift, (geschmackvoll mit Keramiken verkleidete) Satellitenschüsseln auf. Und unter der Hauptstraße verläuft Breitbandinternet. Der Zeitungshändler verkauft Speicherkarten, USB-Sticks und allerlei technische Wunder, die das Netz weben, das uns verbunden hält.

Hier gibt es kein Entkommen vor der Welt, genauso wenig wie anderswo. Abgeschnitten zu sein, ist einfach eine persönliche Entscheidung, keine Frage der Umstände. Und genau in diesem geselligen Raum, diesem herzlichen Frieden, erschaffe ich meine eigenen Welten aus Klängen und Worten.

"Do You Wonder? ist unter all meinen Liedern einzigartig, denn ich habe es nicht geschrieben, weil ich wollte, sondern weil ich musste.“

Wie die meisten Menschen empfinde auch ich Ekel und Wut angesichts der Meldungen, die mich minütlich im Internet erreichen – Beiträge in sozialen Medien, E-Mails von zahllosen Hilfsorganisationen, sogar altmodische Briefe der Vereinten Nationen und anderer, die all jenen widersprechen, die behaupten, die weltweit begangenen Gräueltaten seien bloße Verschwörungstheorien aus sozialen Medien. Und die zugleich die Vertuschungen und Auslassungslügen vieler europäischer und amerikanischer Meinungsführer offenlegen.

Neulich, bei einem Cappuccino in einer Bar, brauchte ich nur einer Nachbarin ein Buongiorno zu wünschen, und schon sprachen wir über Gaza, den Sudan, die Ukraine… Wir teilten dasselbe Gefühl, außer Kontrolle zu sein, ebenso hilflos wie alle anderen. Alle anderen, außer unseren Führern, versteht sich, die sich weigern, Verantwortung zu übernehmen, sich weigern zu helfen und damit dem Willen ihrer Wähler direkt zuwiderhandeln. So haben Politik und Eigeninteresse die Demokratie getötet.

Trotz all dessen bin ich – anders, als man vielleicht denkt – kein politischer Mensch. Vor allem nicht, wen wir politisch als parteipolitisch, als eine einfach zu verortende Gesinnung verstehen. Für mich sind Politik und Religion Glaubenssysteme, die wir nutzen, um unser Verhalten zu rechtfertigen – das Verhalten jener Menschen, die wir ohnehin schon sind. Und ja, es gibt Fälle, in denen Einzelne im Namen der Politik oder Religion Gutes getan haben. Aber es sind wenige. Die meisten Anhänger dieser Systeme bleiben selbstgerecht, während sie uns alle in ihre Sümpfe aus Heuchelei, Täuschung und Schlimmerem ziehen.

Das heißt nicht, dass ich kein soziales Gewissen habe, genauso wenig wie ich ein kompletter Atheist oder Nihilist bin. Man könnte sagen, ich habe mein eigenes Glaubenssystem. Schließlich ist, wie bei jedem anderen auch, vieles von dem, was ich zu wissen glaube, gar kein echtes Wissen. Der Großteil meines „Wissens“ besteht aus Dingen, die mir von Menschen erzählt wurden, denen ich Grund habe zu glauben.

Was bin ich also anderes als ein törichter Siebzigjähriger, der gegenüber einem Felsen wohnt und dessen Kopf voller Rock-Träume ist? Ich habe keine nützliche Ausbildung, die mir erlauben würde, den Opfern von Krieg und Gräueltaten auf bedeutende Weise zu helfen: Ich bin weder Krankenschwester, Arzt noch Sanitäter. Ich bin kein Bauarbeiter, ausgebildeter Verhandler oder Therapeut irgendeiner Art. Wenn ich in eines der Krisengebiete der Welt gehen würde, würde ich nur allen im Weg stehen.

Ein weiterer Unschuldiger, der beschützt werden muss, ein weiterer Mund, der gefüttert werden muss. Alles, was ich tun kann, ist monatlich ein paar kümmerliche Beträge an Wohltätigkeitsorganisationen zu geben – in der Hoffnung, dass wenn genug Menschen dasselbe tun, es vielleicht irgendwo einen Unterschied macht.

Ein Song hilft Leben retten

Fragst Du Dich?

„Do You Wonder?“ entstand aus dem Bedürfnis, Gefühle auszudrücken, die mich den ganzen Tag über quälten.

Heutzutage sind für mich, dank Computertechnologie, Schreiben und Aufnehmen dasselbe. Ich beginne mit einer Idee – vielleicht einer Text- oder Musikzeile oder einfach einem Klang, der nach Gestalt verlangt. Doch während dieses Prozesses fand ich mich bei einer Akkordfolge für die Strophen wieder, die mich nicht inspirierte, und bei einer langweiligen Gesangsmelodie. Ich beschloss, sie zu verwerfen – nur die guten Teile aufzuheben und für etwas anderes zu verwenden.

Doch das Lied zu verwerfen fühlte sich wie Verrat an – wie ein Wegsehen, während Millionen überwiegend unschuldiger Menschen, zwischen allen Fronten, einen höllischen Preis für die Machtspiele anderer zahlen: die Obdachlosen, Heimatlosen, Trauernden und Verstümmelten. Für die Toten ist es ohnehin zu spät. Die Griechen, so hörte ich, sagen: „Wenn die Büffel kämpfen, bezahlen es die Frösche.“ Deshalb sagte ich gleich zu Beginn, dass ich dieses Lied nicht schrieb, weil ich wollte, sondern weil ich mussteA.

Gleichzeitig erinnerte ich mich an einen Track aus dem hervorragenden Album „Twisted“ von Del Amitri mit dem Titel „Food for Songs“, in dem Frontmann und Songwriter Justin Currie die Heuchelei jener hervorhebt, die reich werden, indem sie Lieder über das Leid anderer schreiben (und damit Geld verdienen). Zwar erhöhen solche Lieder das Bewusstsein, aber mir wurde klar, dass man ein Lied wie „Do You Wonder?“ nicht schreibt und die Einnahmen für sich behält. Um jede Komplikation zu vermeiden, müsste ich es als Einzelstück veröffentlichen, nicht als Teil eines Albums. Aber dann stellte sich die Frage: Wer zum Teufel würde das kaufen? Mein Name verkauft keine Platten. Ich bräuchte Menschen, deren Namen das tun. 

Sofort dachte ich an Amanda Lehmann, mit der ich inzwischen befreundet bin – und verwarf die Idee genauso sofort. Sie war stark gefragt, arbeitete am zweiten Soloalbum, und stand kurz davor, mit Steve Hackett nach Japan zu touren. Sie zu fragen schien herzlos bis unhöflich.

Gleichzeitig dachte ich an Zal Cleminson, der bei der Sensational Alex Harvey Band und später Nazareth war, um nur zwei zu nennen. Ich lernte ihn 1981 oder 1982 kennen, als er mit Tandoori Cassette spielte, die meine Band Airbridge im Lowestoft College supportete. 2013, als die reformierte Airbridge „Return“ veröffentlichte, schrieb er uns auf Facebook, er erinnere sich an uns als „a bunch of nice guys (ein Haufen netter Kerle)“. Wir wurden Freunde, und ihn fragte ich zuerst, ob er an dem Projekt mitarbeiten wolle. 

Er beschrieb meine erste Version als „durchtränkt von Emotionen“ und verglich die Gitarrenarbeit und den Song mit David Gilmour. Tatsächlich sagte er, das Ganze klinge wie Pink Floyd. Zuerst meinte er, er könne nichts hinzufügen. Vielleicht – dachte ich – war er einfach zu beschäftigt – er und der Multi-Instrumentalist Billy McGonagle waren ziemlich eingespannt mit ihrer eigenen Band Orphans of the Ash. Ihr Album „Ellipsis“ – eine kraftvolle Mischung aus Grunge, Elektronik und Heavy Metal hat ihren Ruf völlig zu Recht untermauert. Großes Zeug – aber ganz anders als mein Song.

Doch ihn wollte ich, ja musste ich für das Projekt gewinnen. Ich wusste, dass unabhängig von der Qualität meiner Musik viel mehr Menschen eine Platte mit seinem Namen kaufen würden als mit meinem. Und tatsächlich: Das Lead-Gitarrensolo, das er auf  Do You Wonder? spielt, könnte nicht besser sein. Fast sanft beginnend, wächst es, gewinnt an Kraft und steigt – immer höher, immer tief empfundener, aber nie effekthascherisch. Er lässt es atmen und reifen – dieselbe Botschaft wie der Text, aber in Noten geschrieben. Und in jedem Abschnitt ein bisschen mehr geben, ohne je ganz seinen Höhepunkt zu erreichen – bis zum Ende.

Und Billy McGonagle steuert die Rhythmusgitarre bei, liefert nicht nur Rückgrat, sondern eine zusätzliche Schicht atmosphärischer Textur. Auch er bringt Ideen ein, auf die ich nie gekommen wäre. Kürzlich hörte ich Peter Gabriel sagen, dass die potenzielle Kraft der Rhythmusgitarre nie unterschätzt werden sollte, und was Billy hier geleistet hat, ist ein sehr gutes Beispiel.

Sie mochte den Song und die Idee dahinter

Zu diesem Zeitpunkt dachte ich wieder an Amanda. Ich kannte sie als Teil von Steve Hacketts Band – mit Lead- und Backing-Vocals und als Gitarristin, die mühelos mit dem Meister Schritt hält. Auf ihrem eigenen Album Innocence and Illusion entdeckte ich zudem eine brillante Keyboarderin, Texterin und Komponistin. Obwohl sie unglaublich beschäftigt ist, wäre es verletzend gewesen, sie nicht zu fragen. Wer war ich, für sie „Nein“ zu sagen? Wir trafen uns, nachdem ich sie fragte, ob sie zwei Sessions für mich machen wolle – und zu meiner Überraschung sagte sie zu. Sie mochte das Lied – und den Zweck dahinter – und bestand darauf, Zeit dafür zu finden.

Steve „Fudge“ Smith lernte ich nach meinem Airbridge-Ausstieg 1983 kennen. Ich heiratete damals, die Band wollte nach London – und wie so viele Bands mussten sie feststellen, dass Zusammenleben und Zusammenspielen zwei verschiedene Dinge sind. Mitglieder kamen und gingen, Airbridge zog zurück nach Norfolk, und irgendwann war es wohl nicht mehr dieselbe Band. So entstand La Host, mit Fudge am Schlagzeug.

Jahre später sah ich ein Steve-Hackett-Konzert im Fernsehen – und da war er wieder. Er hat sich in der Branche einen Namen gemacht, sowohl als Session-Drummer als auch als Bandmitglied – bei Pendragon und Sound Collider. Auch ihm gefiel das Lied und er glaubte an die Sache. Und auch er liefert wirklich ab, spielt mit Feingefühl und echtem Empfinden statt mit Ego. Er hat bereits auf einigen meiner noch unveröffentlichten Lieder gespielt, und ich weiß seit Langem, dass er nicht nur Schlagzeuger, sondern ein echter Musiker ist – so zuverlässig wie unschätzbar wertvoll.

Über den aktuellen Multi-Instrumentalisten/Schlagzeuger von Airbridge, Dave Dowdeswell-Allaway, lernte ich Richard Rix kennen, selbst Keyboarder bei Flat White und ein talentierter Videoeditor. Er verantwortet die visuelle Seite des Projekts. Als Musiker choreografierte er das Bildmaterial – anders kann ich es nicht beschreiben. Er spiegelt die Texte und die musikalische Dramaturgie ohne Effekthascherei, zeigt Tragödie und Unmenschlichkeit, aber vermeidet allzu Grausames. Trotz des Themas hat seine Arbeit eine schlichte, eindringliche Schönheit.

Ursprünglich war das Lied für eine männliche Stimme geschrieben; daher war klar, dass Amanda eine neue Gesangslinie entwickeln musste. Was sie schuf, ist ergreifend, berührend, mitfühlend – ohne Sentimentalität, nie kitschig. Das ist bei einem solchen Thema eine enorme Kunst. Ich wollte „die Dinge beim Namen nennen“, soweit das jemand kann, der in idyllischer Sicherheit lebt – aber zugleich den Hörer nicht mit Grausamkeiten traumatisieren.

Und so wurden die einzelnen tracks – die „Stems“ – über das Internet verschickt: von mir in Italien, von Zal und Billy in Schottland und von Amanda und Steve in England – ein musikalisches Puzzle, das wir in unseren jeweiligen Studios zusammenfügten. Amanda, die –wie gesagt – bezahlte Jobs ablehnte, um die Gesangs-Sessions zu machen, übernahm obendrein noch das Mischen. Und sie hat es wunderschön gemacht.

Eigentlich muss man sagen: Sie hat das Stück produziert.

Schließlich leistete Andy Glass von Solstice eine feine Mastering-Arbeit. Richard Fryer (a.k.a. Richard Penguin) und Günter Maria Bregulla setzten ihre Kontakte ein – ein PR-Zauber, ohne den das Ganze nichts geworden wäre. Wie alle anderen hier Genannten stellten auch sie ihre Dienste kostenlos zur Verfügung. Ich kann meinen Dank an alle, die Do You Wonder? zu dem gemacht haben, was es jetzt ist, gar nicht angemessen ausdrücken.

Ich hätte nie gedacht, dass ein Lied von mir je so klingen könnte, aber letztlich ist es auch nicht mehr wirklich „mein“ Lied. Der Beitrag all der Genannten hat es auf Höhen gehoben, von denen ich nicht zu träumen gewagt hätte. Doch wenn es einen verbindenden Faktor zwischen den verschiedenen Darbietungen, dem Video und dem Tontechnischen gibt – ein Wort, das alles verbindet –, dann wäre es Aufrichtigkeit.

Das ist, was ich denke und fühle, wenn über dem Vogelgezwitscher vor meinem Balkon Amandas Stimme aufsteigt, wenn Zals Solo den Sonnenuntergang über den Klippen von Roccalbegna begleitet und ich spüre, dass ich gemeinsam mit ihnen – und allen, die mitgewirkt haben – meiner Ohnmacht mitten unter den Wölfen die einzige Antwort entgegengesetzt habe, die wir Künstler geben können.

— Lorenzo Bedini, Roccalbegna, Italien, Dezember 2025

“Do You Wonder?“

Credits:

Musik von Lorenzo Bedini und Amanda Lehmann.

Text von Lorenzo Bedini

Mitwirkende: